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Eine Mission für die Menschenwürde

Delegation des Kirchenkreises besucht den traumatisierten Norden Ugandas
Eine Mission für die Menschenwürde
Denkmal gegen den Terror: in Barlonyo

Norden / Gulu / Kitgum, 9. Februar `17 - Freudentränen in Kitgum: Bei der Übergabe von 30 Rollstühlen an Behinderte und Bürgerkriegsopfer kam es zu bewegenden Szenen in der nord-ugandischen Provinzstadt. Eine Delegation des Kirchenkreises Norden überbrachte die Hilfsgüter, für die im Kirchenkreis und über die Gossner Mission Spenden gesammelt wurden. „Die Menschen waren zutiefst berührt“, berichtet Superintendent Dr. Helmut Kirschstein, der die 13-köpfige Gruppe leitete. „Jeder Rollstuhl bedeutet, dass einem Menschen Würde zurückgegeben wird, weil er nicht mehr über den Boden kriechen muss.“ Um diesen Gedanken zu unterstreichen, hängte Volker Karkutsch (Dornum) jedem der Betroffenen ein Kreuz um, Superintendent Dr. Kirschstein und Pastor Christian Reiser, Direktor der Gossner Mission, segneten die Beschenkten. „Das war sicherlich ein besonderer Höhepunkt unserer Reise“, betont Karkutsch.

Zum fünften Mal besuchte eine Norder Delegation die Partner in den beiden anglikanischen Diözesen Gulu und Kitgum. Dort herrschte bis 2006 ein brutaler Bürgerkrieg. Zehntausende von Jungen und Mädchen waren verschleppt, zu Kindersoldaten gemacht und in die Prostitution gezwungen worden. Über 90 Prozent der Bevölkerung gelten immer noch als traumatisiert. Angesichts dieser Situation sei allein schon der Besuch, das gemeinsame Feiern von Gottesdiensten und die mitmenschliche Begegnung ein Ausdruck der Wertschätzung und der Ermutigung, so der Norder Superintendent. Die anglikanische Church of Uganda (CoU) habe sich längst als verlässlicher Partner erwiesen. Durch die zahlreichen Besuche und Gegenbesuche seien Freundschaften und belastbare Beziehungen entstanden: „Wir können garantieren, dass unsre Spendengelder ankommen.“

Der Norder „Freundeskreis Uganda“, eine Arbeitsgruppe des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises, hatte die Begegnung wieder intensiv vorbereitet. Zur Delegation gehörten diesmal Vertreter der Männerarbeit und der Jugend: Kreisjugenddiakon Markus Steuer war zum ersten mal dabei und führte diverse Gespräche mit Jugendlichen und Jugendreferenten der beiden Diözesen. „Es wäre schön, wenn wir demnächst einmal mit einer Gruppe junger Erwachsener den Norden Ugandas besuchen könnten.“ Erste Überlegungen dazu konnten vor Ort angestellt werden.

Eine besondere Rolle spielte auch Karin Lienemann, die Leiterin des Osteeler Kindergartens und Familienzentrums „Schneckenhaus“: Sie übernachtete direkt vor Ort in dem abgelegenen Dorf Agung, wo die Norder mit Hilfe der Gossner Mission eine Kirche und einen Kindergarten errichtet haben. „Die Menschen hier sind sehr arm, aber überaus engagiert. Ich habe sehr viel Einsatz und Phantasie erlebt,“ berichtet Lienemann. Die Gemeindemitglieder seien durch die neuen Gebäude höchst motiviert, selbst zur Verbesserung ihrer Lebenssituation beizutragen. Wie die Nachhaltigkeit des Kindergartenbetriebs gesichert werden kann, welche Schritte nun zu folgen haben – auch darüber wurde mit Mitgliedern der Delegation vor Ort beraten.

Bei allen Beratungen spielten die Mitarbeiter der Gossner Mission eine wichtige Rolle: Dr. Volker Waffenschmidt, Afrika-Referent des in Berlin beheimateten und eng mit Ostfriesland verknüpften Missionswerks, war bereits zum dritten Mal mit den Nordern unterwegs. Sein Expertenwissen half auch diesmal, konkrete Pläne zu entwickeln. Erstmals dabei war Direktor Christian Reiser: Da „Uganda“ im März 2016 offiziell zum neuen Arbeitsfeld der Gossner Mission erklärt worden war, hatte seine Teilnahme etwas Historisches. Aufnahme neuer Beziehungen, Kennenlernen der Partner, Weichenstellungen für weitere Projekte – die Partner reagierten mit großem Respekt auf Reisers Impulse, die er bei seinen Ansprachen einbrachte.

Ein besonderer Schwerpunkt der Uganda-Begegnung 2017 zielte auf den Bau und die Einrichtung eines Berufsschul-Zentrums im äußersten Norden. Deshalb nahmen erstmals auch OStD Volker Cammans, Leiter der Norder Conerus-Schule, und OStR Uwe Schüler, Leiter der dortigen Handwerks-Ausbildung, an der Partnerschaftsreise teil. In dem Dorf Paloga, kurz vor der südsudanesischen Grenze, herrscht großer Bedarf an praktischer Ausbildung. Im weiten Umkreis gibt es kein „Vocational Training Center“ (VTC), den jungen Leuten fehlt bisher jede berufliche Perspektive. Hier setzen der Freundeskreis Uganda und die Gossner Mission an. Schon zum Auftakt führte man in der Hauptstadt Kampala ein wegweisendes Gespräch. In einer hochkarätigen Expertenrunde der CoU ging es darum, den konkreten Bedarf zu erheben und eine Machbarkeits-Studie vorzubereiten. Besuche in diversen Berufsschulen und Bildungseinrichtungen folgten: von der Kampala Diplomatic School über ein von Deutschen entwickeltes, alternatives Arbeitsentwicklungsprogramm für junge Erwachsene („SINA“) über das kirchliche Nile Vocational Institute in Jinja zur ebenfalls kirchlichen Berufsschule in Gulu. Ein Treffen mit deutschen Vertretern der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) legte den Focus auf die dringend notwendige Entwicklung der Wasserwirtschaft. Auch die Y.Y. Okot Secondary School in Kitgum und eine weitere, durch Privat-Initiative binnen kürzester Zeit bestens aufgestellte Secondary School in Bombo-Kalule gehörten zum Besuchsprogramm. Immer wieder bestätigte sich der Eindruck, dass der Einsatz Einzelner und das idealistische Engagement Weniger nachhaltigen Erfolg verspricht. Es zeigte sich aber auch, auf welch bescheidenem Niveau oft gearbeitet werden muss, weil einfachste Unterrichtsmittel fehlen. An mancher Stelle konnten die Norder Berufsschul-Vertreter praktische Hinweise geben. Vor allem aber sammelten sie zahlreiche Eindrücke, die in die fachliche Begleitung des ambitionierten Hilfsprojekts „VCT Paloga“ einfließen werden.

Die Norder Delegation besuchte weitere soziale Brennpunkte und kirchliche Hilfsprojekte ihrer Partner: In Gulu stellte sich das kirchliche „Women´s Development Center“ mit seiner Nähwerkstatt und einem Programm zur Unterstützung junger Frauen vor. In Kilak präsentierte sich eine HIV/AIDS-Initiative, die schon zuvor vom Norder Freundeskreis unterstützt worden war. Tonja Behrends-Fischer, Mitglied bei den Ludgeri Gospel Singers und als Sozialarbeiterin mit der Bedürftigkeit von Menschen vertraut, zeigte sich schwer beeindruckt von der mentalen Stärke der Frauen: „Was diese Selbsthilfegruppen auf die Beine bringen, ist phänomenal!“ Die Delegation überreichte eine weitere finanzielle Unterstützung und gab auch in Gulu Geld für junge Mütter, die – selbst noch halbe Kinder – durch die dortige Berufsschule eine Perspektive erhalten: Mit Norder Hilfe soll auf dem Berufsschulgelände ein Spielplatz eingerichtet und Spielzeug beschafft werden, denn bisher gibt es für die Kleinen buchstäblich nichts.

Wie häufig, spielen Frauen auch in Uganda eine entscheidende Rolle bei der Überwindung des Traumas und beim Aufbau der Gesellschaft. Die „Mothers´ Union“ verbindet verheiratete Mütter, organisiert Selbsthilfegruppen und stabilisiert soziale Beziehungen. Weil für die langen Wege von Frau zu Frau oft das Nötigste fehlt, unterstützte die Norder Delegation spontan die Frauenhilfe in Padibe mit dem Kauf eines Fahrrads – vielleicht der Beginn eines größeren Projekts, denn über Land ist der Zusammenhalt ohne Fortbewegungsmittel schwierig. Aber auch die kirchliche „Fathers´ Union“ ist im Kommen: Offensichtlich angestoßen durch Impulse aus der Norder Männerarbeit, wurden in beiden Diözesen seit 2011 zahlreiche Männerkreise installiert. Über deren Fortschritte konnte sich die Norder Delegation in Gulu wie in Kitgum ein Bild machen. Hatte etwa der Männerkreis in Gulu mit 30 Teilnehmern begonnen, zählt man mittlerweile 120 Männer und will demnächst die Zahl 200 erreichen. Das ist durchaus auch inhaltlich bedeutsam, denn jedes Mitglied der Fathers´ Union verpflichtet sich, seiner Frau treu zu bleiben, den verbreiteten Versuchungen des Alkohols zu widerstehen, Familie, Kirche und Gesellschaft tatkräftig zu unterstützen. So entwickelt nun auch die Männerarbeit soziale Selbsthilfegruppen und Initiativen zum Wiederaufbau.

Die größte finanzielle Unterstützung ließ der „Freundeskreis Uganda“ in der Kirchengemeinde St.Peter´s im Dorf Laguri: Hier wird eine neue Kirche gebaut, die bereits bis auf Schulterhöhe gemauert ist. Überaus herzlich war der Empfang, ungemein engagiert wirkten die Verantwortungsträger. Es liegen bereits sämtliche Ziegel für die Fertigstellung des Rohbaus vor, allesamt von der Gemeinde selbst hergestellt und gebrannt. Mehrere Redner aus Kommune und Kirche hoben hervor, dass dieser Kirchbau das entscheidende Projekt für die Überwindung der Traumatisierung sei: Allein der Glaube an Gott gebe Kraft und spende Hoffnung. Das neue Gotteshaus werde auch für die Selbsthilfegruppen der Jugend-, Frauen- und Männerarbeit zum Zentrum, und schon kleine Kinder empfingen hier Lebenskraft und christliche Orientierung – aller Armut zum Trotz. Nachdem sich die Norder von der baldigen Realisierbarkeit überzeugt hatten, übergaben sie einen hohen Geldbetrag zum Bau des Kirchendachs, dessen Fertigstellung sonst ohne jede Chance wäre.

Wie wichtig Kirchengebäude für den Zusammenhalt von Kirche und Gesellschaft sind, wie sehr sie als Zentren der Versöhnung und der Menschenwürde nach dem Terror der Jahre 1985-2006 benötigt werden: das erlebten die Norder selbst in zahlreichen Gottesdiensten und Andachten mit. In der Kitgumer Kathedrale überraschte sie eine kirchliche Brass-Band, die mit zahlreichen Instrumenten aus dem Kirchenkreis Norden neu aufgebaut werden konnte. Buchstäblich mit Pauken und Trompeten versetzten die jungen Leute das Kirchengebäude in Schwingung. Dabei verdrängen Lobpreis und Anbetung niemals die grausame Realität der vergangenen Jahre: Bischof Charles Odurkami, der im vergangenen Sommer Norden besucht hatte, führte die Delegation zu einem entlegenen Mahnmal, das die Erinnerung an ein grausames Massaker der sog. „Lord´s Resistance Army“ (LRA) unter dem berüchtigten Joseph Kony wachhält: Im Jahr 2004 waren hier über 500 hilflose Dorfbewohner, die Mehrzahl davon Kinder, mit unvorstellbarer Menschenverachtung hingeschlachtet worden. Während Überlebende des Massakers mit stockender Stimme von diesen Grausamkeiten erzählten, spielte eine Schar jüngerer Kinder unbefangen auf dem Gelände der Dokumentation und der Massengräber. Gleich gegenüber wurde nach dem Krieg ein neues Schulzentrum errichtet: „We start for the Future“ (etwa: „Wir beginnen mit der Zukunft“), steht auf einem großen Hinweisschild...

Das straffe Besuchs- und Arbeitsprogramm war anstrengend, nicht zuletzt auch durch solche emotionalen Belastungen. Schlechte Straßen und die große Hitze taten ein Übriges, denn selbst für den Norden Ugandas sind Temperaturen über 40 Grad ungewöhnlich hoch. Umso dankbarer waren die Delegations-Mitglieder, dass gegen Ende der Reise wenigstens zwei Tage der Entspannung standen. Beim Besuch im Murchison Falls National Park konnten die Norder jenseits aller Probleme die Schönheiten Ugandas bewundern: eine beeindruckend vielfältige Tierwelt in einer bezaubernden afrikanischen Landschaft. Da waren sich alle Teilnehmenden einig: Wenn es gelingt, den Lebensstandard der armen Bevölkerung deutlich zu heben, Versöhnung, Gerechtigkeit und Menschenwürde zu fördern und den Frieden zu bewahren – dann könnte Uganda ein Stück vom Paradies sein.

 

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Die Partnerschaft zwischen dem ev.-luth. Kirchenkreis Norden und den Diözesen Gulu und Kitgum der anglikanischen Church of Uganda (CoU) besteht seit Sommer 2010. Der „Freundeskreis Uganda“ trifft sich in unregelmäßigen Abständen etwa alle 6 Wochen und freut sich über jedes Interesse an einer Mitarbeit. Leitung und Kontakt: Superintendent Dr. Helmut Kirschstein, Tel. 189760, Mail: Sup.Norden@evlka.de.

Wer die Arbeit zugunsten der Menschen in Uganda unterstützen möchte, kann folgendes Spenden-Konto nutzen: IBAN DE35 2802 0050 8605 3451 00, Stichwort „Hilfe für Uganda“. Ein in Kampala gekaufter Rollstuhl kostet lediglich 90 €. Transport und namentliche Übergabe werden garantiert.

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