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Dynamisches Gemeindeleben - eine Inspiration

Indische Gossner-Kirche: Herzliche Gastfreundschaft, buntes Besuchsprogramm
Dynamisches Gemeindeleben - eine Inspiration
Farbenprächtig, klangvoll: 100. Jubiläum

Norden / Delhi / Ranchi, Juli 2019 - Rund um die Festveranstaltung zum 100. Unabhängigkeits-Jubiläum der evangelisch-lutherischen Gossner-Kirche in Indien rankte sich ein eng getaktetes Besuchsprogramm. Nordens Superintendent Dr. Helmut Kirschstein lernte an der Spitze einer 8-köpfigen Delegation der Gossner Mission das bunte kirchliche Leben kennen: Gottesdienste, Begegnungen, Festivitäten und Besichtigungen wechselten sich ab. Immer wieder hatte er zu predigen und richtete Grußworte aus.

Gleich am frühen Sonntagmorgen ging es los: Der erste Gottesdienst in der alten Missionskirche von Ranchi begann um 6.00 Uhr und wurde von der größeren der beiden Gossner-Kirchen (GELC) ausgerichtet. Um 8.00 Uhr folgte dann ein Gottesdienst der „kleineren“ Partner NWGELC. Aber schon „in aller Herrgottsfrühe“ hatten sich – wie üblich – rund 400 Gläubige versammelt. Etliche fanden keinen Platz mehr und mussten mit Stühlen vor dem Kirchengebäude vorlieb nehmen. Kirschstein griff in seiner Predigt auf Gedanken des Missionsgründers Johannes Evangelista Gossner zurück und betonte auch hier vor der GELC das gemeinsame Leiden unter der Zerrissenheit in zwei Gossnersche Kirchen. „Wozu uns unser gemeinsamer Missions-Vater ruft und was wir uns als Vertreter der Gossner Mission zum Jubiläum sehnlichst wünschen, ist nach Jahren von Kreuz und Leid die gemeinsame Auferstehung ins helle Licht einer vereinigten Evangelisch-lutherischen Gossner-Kirche!“ Ähnlich lud der Norder Superintendent später in der Stadt Kanke auch die 500 versammelten Christen der abgespaltenen NWGELC zu neuer Einigkeit auf.

Immer wieder gab es die Gelegenheit, mit den leitenden Bischöfen beider Seiten über das Thema „Versöhnung und Wiedervereinigung“ zu sprechen. Teils unter vier Augen, teils in Verbindung mit der deutschen Delegation und dem kompletten Leitungsstab der indischen Kirchen, zeigten sich beide Partner für weitere Gespräche offen.

Theologische Differenzen gibt es nicht. Die abgespaltene NWGELC ist vor allem eine Kirche der Oraons, während die größere GELC vom Adivasi-Stamm der Mundas dominiert wird. Das profilierte Pochen auf eigene Herkunft und Tradition setzt offenbar zentrifugale Kräfte frei, die von der Sorge um die eigene Identität gespeist werden. Umso wichtiger scheint die Besinnung auf das gemeinsame Gossnersche Erbe und ein starkes evangelisches Zeugnis in Zeiten massiver hinduistischer Anfeindungen.

Dass die kleinere Nordwestkirche ein besonders dynamisches Gemeindeleben entfaltet, erwies sich nicht nur bei der großartigen Jubiläumsveranstaltung mit 20.000 Gläubigen. Beeindruckt zeigte sich die deutsche Delegation auch beim Besuch der kirchlichen Mädchen-Oberschule in Gumla, die von der deutschen Organisation „Kindernothilfe“ unterstützt wird: Das begeisternde Kulturprogramm mit Tänzen und Gesängen aller Altersstufe machte deutlich, warum diese High School in einem Ranking von 28 nichtstaatlichen Schulen Platz 1 einnimmt. Auch in der Stadt Kanke beeindruckte die Eigentinitiative der Nordwest-Kirche: Hier baut die Gemeinde ohne jede Hilfe von außen eine große Kirche samt Gemeindezentrum. Es wird erwartet, dass jede christliche Familie jährlich ein Monatsgehalt dafür spendet – und diese Erwartung wird erfüllt, die Kirche wächst Stockwerk um Stockwerk!

Die deutsche Delegation nahm aber auch die größere GELC sehr bewusst wahr: Die alten Missionars-Gebäude aus dem 19. Jahrhundert verströmen hier ihren besonderen Charme und sind Ausgangspunkt neuer Initiativen: In der Stadt Govindpur konzentrieren sich ein großzügiger Kirchen-Neubau, mehrere christliche Schulen und ein ebenfalls bestens benotetes Girls-Hostel (Ranking-Platz 2), die theologische und praktische Ausbildung der „Prajarakhs“ (ehrenamtliche Gemeindeleiter) und das „New Live Light Center“ mit landwirtschaftlicher Ausbildung und Musterfarm. Ein weiterer „Reform-Kindergarten“, der unmittelbar durch die Gossner Mission unterstützt wird, soll noch in diesem Jahr fertigwerden.

Gleich nach Ankunft in der indischen Hauptstadt Delhi hatte die Delegation auch dort versprengte Gossner-Christen besucht, die sich in der Metropole zu evangelisch-lutherischen Gemeinden der NWGELC zusammengeschlossen haben. Unvergesslich der Eindruck, als ehemalige Slum-Bewohner die Besucher überaus herzlich in ihrem Kirchenraum begrüßten: ein weiß getünchtes Zimmer in einem mehrstöckigen Wohnhaus, mit einem leuchtenden Kreuz an der Wand. Gastfreundschaft! Herzlichkeit! Keine wehleidigen Klagen – mitreißende Gesänge!

Natürlich: Auch himmelschreiende Armut, Fahrrad-Rikschas, permanentes Hupen der Autos auf den völlig überfüllten Straßen und eben das Sauna-mäßige Klima gehören zu den bleibenden Eindrücken. Aber auch die phantastische Vielfalt der indischen Kultur! Um diesen Reichtum wenigstens ansatzweise wahrzunehmen, besuchte die Gossner-Delegation die riesige hinduistische Tempelanlage von Akshardam, das Red Fort mit seinen Palastanlagen als größtes Monument der mogulischen Herrschaft, das Grabmal des Herrschers Humayun (alles in Delhi) und das weltberühmte muslimische Mausoleum Taj Mahal in Agra.

Einen ganz eigenen kulturellen Impuls brachte die Delegation selber ein: Als Gastgeschenk überreichte Dr. Kirschstein im Rahmen des Festakts zum 100. Autonomie-Jubiläum dem Oberhaupt der NWGELC, Bischof Dular Lakra, eine Norder Fliesenbibel. Deren 600 biblische Motive verbinden indische und deutsche Christen in der Tradition Gossners nun über tausende von Kilometern hinweg.

  • HINTERGRUND-INFO:

    Die in Berlin beheimatete Gossner Mission ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts eng mit Ostfriesland verbunden, wird aber von regionalen Kreisen in ganz Deutschland getragen. 2009 wurde der Norder Superintendent Dr. Helmut Kirschstein erstmals ins Kuratorium gewählt. Seit 2016 ist er auch Mitglied im Vorstand und Stellvertretender Vorsitzender. Mit der Hannoverschen Landeskirche fördern auch andere evangelische Landeskirchen (vor allem EKBO-Berlin, Lippe, Westfalen) das von Johannes Evangelista Gossner (1773-1858) ins Leben gerufene Werk. Die Gossner Mission unterstützt Bildung und Ausbildung, Gesundheit und Ernährung, Menschenrechte und christliche Mission. Sie fördert insbesondere Kinder, Jugendliche und Frauen in ihren Partnerkirchen in Indien, Nepal, Sambia und seit 2016 durch den Einsatz des Norder Freundeskreises auch in Uganda. 2018 wurde in Norden bereits der 2. Ostfriesische Gossner-Tag gefeiert – mit dem gemeinsamen Tanz von Ostfriesen, Ugandern und Indern auf dem Norder Marktplatz.

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