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Mitmenschlichkeit in Zeiten drohender Abschottung

Uganda-Delegation (4): Historische Aufarbeitung, aktuelle Verantwortung
Mitmenschlichkeit in Zeiten drohender Abschottung
Offenes Tor: Sinnbild der Demokratie

Norden, 8. Juni `18 - Kirchliche Partnerschaft ist weit mehr als soziale Entwicklungshilfe. Es geht darum, den gemeinsamen Gott zu feiern, sich gegenseitig wahrzunehmen, einander zu verstehen und wertzuschätzen. Und aus alledem Hoffnung mitzunehmen für die eigene Lebenswelt! In diesem Sinne betrieb das aktuelle Begegnungsprogramm auch eine gemeinsame historische Spurensuche: Nach der Erfahrung von Krieg und Massenmord sind insbesondere Flucht, Vertreibung und Integration verbindende Themen für Deutschland und Uganda.

Bei einer Führung durch die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld lernten die ugandischen Gäste eine Menge über die Zeit um 1945 und die großen Herausforderungen der Eingliederung von 14 Millionen Menschen im Deutschland der Nachkriegszeit. Sie fühlten sich unmittelbar an ihre eigene „Nachkriegssituation“ erinnert, wie Gladys Oyat im Gästebuch vermerkte: „Die Dokumentation stärkt unsre Hoffnung, dass auch wir aus unsrer schwierigen Lage herauskommen können, wenn wir unser Gottvertrauen bewahren, eine positive Haltung einnehmen und hart arbeiten.“

Der Terror der sog. „Lord´s Resistance Army“ (LRA) hatte bis 2006 zu massiven Flüchtlingsbewegungen im Norden Ugandas geführt. Hunderttausende suchten im eigenen Land Zuflucht in UN-Flüchtlings-Camps. Viele Menschen haben seither die Haltung völliger Abhängigkeit von ausländischer Hilfe verinnerlicht. Im Deutschland der Jahre nach 1945 kam es hingegen schnell zu großem Engagement und wirtschaftlichen Erfolgen der Lagerbewohner, etwa in Tidofeld, wie Prof. Dr. Bernhard Parisius als Wissenschaftlicher Leiter der Einrichtung erläuterte. Sein Beitrag eröffnete eine Veranstaltung, in der Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Lageralltags herausgearbeitet wurden. Wie sehr 1,3 Mio. aktuelle Flüchtlinge aus dem benachbarten Südsudan auch gegenwärtig die Lage im Norden Ugandas bestimmen, verdeutlichte eine Bilder-Präsentation von DS Patrick Lumumba: Etwa 30.000 Flüchtlinge werden derzeit im Lager Pagirinya angesiedelt und unterhalten nach Kräften Unterstützung der Regierung und der Kirche. Mit Hilfe des Norder Freundeskreises und vor allem der Gossner Mission konnten für rund 50.000 Euro Hilfsgüter überbracht werden, deren Übergabe in vielen Bildern dokumentiert wurde. Auch in der Nachbardiözese Kitgum wird ein Lager mit 36.000 Bewohnern kirchlich unterstützt. Die größte Herausforderung bestünde darin, in diesen Camps eine Schulbildung zu vermitteln. Darum wollen Freundeskreis und Gossner Mission jetzt eine Bildungs-Initiative für Grundschüler unterstützen, um den Kindern Perspektiven für eine bessere Zukunft zu eröffnen.

Ebenso spannend verlief ein zweiter Abend im völlig überfüllten Seminarraum der Dokumentationsstätte: Wieder eröffnete ein wissenschaftlicher Vortrag von Prof. Parisius („Beobachtungen zur Traumatisierung von Flüchtlingen“) das Symposium. Im Sinne einer „Erzählwerkstatt“ schlossen sich persönliche Berichte zu Flucht, Vertreibung und Integration an. Wie sehr sich traumatisierende Erlebnisse ins Gedächtnis und in die Seele eingegraben haben: das zeigten die bewegenden Schilderungen von Zeitzeugen aus Ostpreußen und Schlesien, aus Uganda und aus dem Iran. Denn auch eine ganze Zahl aktueller Migranten waren gekommen und nahmen mutig an der gemeinsamen Trauma-Bewältigung teil. Wie ähnlich das alles klingt, wie nahe beieinander Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und unterschiedlichsten Herkommens sein können! Selten wird gemeinsames Leid so völkerverbindend und zutiefst menschlich ausgesprochen wie an diesem Abend in Tidofeld.

Im selben Sinne veranstaltete die Kirchengemeinde Arle ein „Friedliches Frühstuck“, zu dem Einheimische, aktuelle Migranten und die ugandische Delegation in die ehemalige Schule nach Südcoldinne eingeladen waren. Pastorin Hilke Osterwald unterstrich das ähnliche Schicksal und die verbindende Notwendigkeit menschlicher Heimat. Kinder spielten, Erwachsene erzählten, alle kamen sich bei teils exotischen Speisen näher. Gäste aus Äthiopien und Armenien, dem Iran und dem ehemaligen Ostpreußen erlebten zusammen mit den Ugandern ein Miteinander, bei dem Religion und Hautfarbe völlig zweitrangig waren: gelebte Mitmenschlichkeit in Zeiten drohender Abschottung!

Schwerpunkte zur Förderung einer menschenfreundlicheren Welt setzten auch gesonderte Veranstaltungen für Männer und Frauen: Im Männerkreis Ludgeri hielt Richard Otum (42), stellvertretender Leiter der Männerarbeit in Gulu, einen engagierten Vortrag über die kirchliche Initiative zur Aktivierung von Männern. Anders als in Afrika üblich, verpflichten sich die christlichen Männer hier zum solidarischen Einsatz für Familie, Kirche und Gesellschaft. Nachhaltiger Beifall war ihm ebenso sicher wie den drei Frauen der ugandischen Delegation, die sich zeitgleich mit der Norder Gruppe der Frauenrechts-Organisation „Terre des Femmes“ traf. Erstaunlich, wie stark die kirchliche „Mother´s Union“ die ugandische Gesellschaft in Richtung Gender-Gerechtigkeit bewegt!

Schon bei der Führung durch Norden hatte Stadtführerin Tilde Leuze auf die „Stolpersteine“ aufmerksam gemacht, die vor ehemaligen jüdischen Wohnhäusern an die leidvolle Geschichte einstiger Mitbürger erinnern. Gegen Ende des Aufenthalts in Berlin offenbarte sich den ugandischen Gästen beim Besuch der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen dann das ganze Elend und die unglaubliche Barbarei der Vernichtung von Millionen jüdischer Mitmenschen. Auch wenn die Delegationsmitglieder schockiert reagierten – „wir fühlen uns sofort an die Greueltaten der LRA und ihre Massenmorde erinnert“, lautete ihr beklemmender Kommentar. „Auch wir im Norden Ugandas brauchen dringend historische Dokumentationszentren, um die Verbrechen aufzuarbeiten und eine friedliche Gesellschaft aufzubauen“, sagte Bischofsvertreter Jiponi Okello. Im Gespräch mit MdB Johann Saathoff konnten die Ugander dann noch einmal feststellen, wie die historische Aufarbeitung zu gesellschaftlichem Engagement und demokratischer Verantwortung im Deutschland der Gegenwart geführt hat.

Der Partnerschaftsbesuch wurde gefördert durch den Fonds "Frieden stiften" der Hannoverschen Landeskirche, die Bürgerstiftung Norden und die Gossner Mission sowie eine Reihe namhafter Einzelspenden.

Wer die Partnerschaftsarbeit des Kirchenkreises Norden mit Uganda unterstützen möchte, kann dies über folgendes Konto tun: IBAN DE35 5206 0410 0000 0062 62 (Evangelische Bank), Stichwort „Hilfe für Uganda“

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