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Bundesweit einzigartig - historisch wie aktuell

Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld feiert 5-jähriges Jubiläum
Bundesweit einzigartig - historisch wie aktuell
Flüchtlinge einst, jetzt: eritreische Klänge

Norden-Tidofeld, 2. November `18 - Nein, eine Gedenkstätte soll die Gnadenkirche Tidofeld nicht sein. Das betonte Lennart Bohne, pädagogischer Leiter der seit Freitag fünf Jahre alten Einrichtung, nachdrücklich. „Es ist ein historischer und aktueller Ort“, sagte er gleich zu Beginn seiner Rede im Rahmen einer kleinen Feierstunde mit Vereinsmitgliedern und zahlreichen Interessierten.

Offenbar braucht es seine Zeit, bis rundherum begriffen wird, was da seit dem 3. November 2013 entstanden und inzwischen gewachsen ist. Bohne, der seit Oktober 2017, zunächst mit einer halben Stelle, seit einem Monat nun aber zu 100 Prozent verantwortlich in Tidofeld arbeitet, schilderte seine eigene Begeisterung für die Idee, anhand von persönlichen Lebensgeschichten Geschichte greifbar zu machen. Die Geschichte von Vertriebenen, die nach 1945 aus Pommern, Schlesien, dem Sudetenland, aus West- und Ostpreußen in Tidofeld aufgenommen wurden, um sich im Westen Deutschlands eine neue Heimat aufzubauen. „Eine bundesweit einzigartige Dauerausstellung an einem historischen und aktuellen Ort.“ Das habe ihn sehr beeindruckt, erklärte Bohne den zahlreichen Gästen. Weshalb sich der gebürtige Norder einließ auf eine zunächst unsichere Zukunft, denn finanziell, das gab Dr. Helmut Kirschstein als Vorsitzender des Vereins „Gnadenkirche Tidofeld“ ganz offen zu, sah es besonders in den Anfängen alles andere als rosig aus.

Bohne führte aus, was schon Bürgermeister Heiko Schmelzle im Rahmen seines Grußwortes erläutert hatte. Dass Menschen, die vertrieben werden, die flüchten müssen, dauerhaft verletzt bleiben. „Es geht darum, zu hinterfragen, was der Verlust der Heimat mit einem Menschen macht und wie es sich anfühlt, nach Flucht und Vertreibung an einem anderen Ort noch einmal ganz von vorne anfangen zu müssen.“ Heimatverlust verursache schwerwiegende Verletzungen auf der Seele der Betroffenen, immer blieben Narben, sagte Schmelzle, dessen eigene Eltern Vertriebene sind und ihre Geschichte auch an die nächste Generation weitergegeben haben. Am Rand der Gesellschaft zu stehen, sich einen Platz erkämpfen zu müssen – so wie nach den Heimatvertriebenen in den 1940er- und 50er-Jahren später die Vietnamesen, die Russlanddeutschen und in den letzten Jahren Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt. „Am Ende des Tages“, sagte Schmelzle, „müssen sich auch diese Menschen integrieren–wir aber müssen ihnen auch eine Chance geben, dies zu schaffen.“ Dazu leiste die Gnadenkirche Tidofeld einen wertvollen Beitrag.

Kirschstein, der die letzten Jahre – immer wieder mit großem Dank an die engagierte Geschäftsführerin Anna Jakobs – noch einmal Revue passieren ließ, nannte das Ganze „konkrete Friedensarbeit“, die jetzt für die nächsten zwei Jahre, vor allem dank der Anerkennung als „Friedensort“ durch die Hannoversche Landeskirche, gesichert sei.

Sonderausstellungen, Vorträge, die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen haben den Ort gerade in der jüngsten Vergangenheit bekannter gemacht, der nun in nicht allzu ferner Zukunft noch erweitert werden soll. Vor allem, um einer weiteren Dauerausstellung Platz zu verschaffen. Die Geschichte der „Boatpeople“ aus Vietnam hatte im Teemuseum für viel Aufmerksamkeit gesorgt und soll in Tidofeld so schnell wie möglich der Öffentlichkeit permanent zugänglich gemacht werden. Auch hier stehen Zeitzeugeninterviews im Mittelpunkt, die Schüler und Schülerinnen der Conerus-Schule unter der Leitung von Cornelia Kruse geführt hatten.

Schulen, auch das wurde im Rahmen der Feier am Freitagabend deutlich, sollen noch stärker auf Tidofeld aufmerksam werden. Viele Kinder, sagte Lennart Bohne, wüssten nichts mehr über die Geschichte ihrer Großeltern. Tatsächlich aber müssten viele nur in den eigenen Familien forschen. Daraus könne man lernen und Empathie entwickeln für die Menschen heute, die Ähnliches durchlebten.

Bewusst verwob Bohne in seinem Vortrag Historisches und Aktuelles. Präsentierte eine Postkarte aus dem Jahr 1946, die er jüngst im Internet ersteigert hatte. Ein Gruß aus der Baracke zehn, Lager eins in Tidofeld. Damals wie heute suchten die Menschen Kontakte, erläuterte Bohne. Damals mithilfe von Postkarten, heute mit dem Smartphone dort, wo es freien Zugang zu einem WLAN-Netz gibt. Nachrichten schicken, ein Lebenszeichen senden. „Persönliche Lebensgeschichten“, sagte Bohne, seien das Zentrum der Ausstellung. „Wie hat sich Vertreibung angefühlt?“, fragte er in die Runde. „Das steht in keinen Geschichtsbüchern.“ Darüber aber, betonte Bohne nachdrücklich, werde Geschichte insgesamt verständlich und wirke in Gegenwart und zukünftigem Handeln.

Entsprechend will der Verein auch in den nächsten Monaten und Jahren aktiv sein. Kirschstein erzählte von geplanten weiteren Projekten, von der Idee, ein Begegnungscafé einzurichten, eine „Erzählwerkstatt“. Dank Lars Kotterba, dem seit Mai 2018 neuen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Einrichtung, sollen zudem wieder verstärkt Zeitzeugeninterviews geführt werden. Zukunftsmusik, entstanden aus Melodien der Vergangenheit und Gegenwart, für die am Freitagabend Natalia Schilref am Akkordeon mit Beiträgen aus russlanddeutscher Tradition und Huyos Girmoy mit der Kirar, dem Nationalinstrument Eritreas, im Rahmen der Feierstunde sorgten.


         Text: OSTFRIESISCHER KURIER - mit herzlichem Dank! Foto: HK

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