Sie sind hier: Aktuelles

"Flüchtlinge sind ein deutsches Lebensthema"

Tidofeld: Dr. Andreas Kossert (Berlin) über Heimatverlust nach 1945 und heute
"Flüchtlinge sind ein deutsches Lebensthema"
Überfüllt: rund 100 Menschen kamen.

Norden-Tidofeld, 20. September `18 - „Dies ist ein phantastischer, authentischer Ort“, lobte der bekannte Historiker Dr. Andreas Kossert (Berlin) die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld. Die Resonanz auf seinen Vortrag war riesig – mit einem solchen Andrang hatte Organisator Lennart Bohne dann doch nicht gerechnet. Der kleine eigentlich vorgesehene Vortragsraum war schnell überfüllt, so dass die Veranstaltung kurzerhand in den Ausstellungsraum verlegt wurde. Die Stühle reichten nicht, etliche Besucher hockten auf dem Boden oder standen. Was sie nicht hinderte, gebannt zuzuhören und sich anschließend im Rahmen der Diskussion mit ihren eigenen Lebensgeschichten und Erfahrungen einzubringen.

Der Referent stellte die liebgewordene Geschichtsklitterung in Frage: Wir wollen es ja nicht wahrhaben, verdrängen gern und feiern stattdessen unsere vermeintliche Erfolgsgeschichte: Wir tollen Deutschen, die es hingekriegt haben nach 1945, ihre 14 Millionen Heimatvertriebenen aus Pommern, Schlesien, aus dem Sudetenland, Ostpreußen und und und zu integrieren. Haben wir es wirklich hingekriegt? Schon vor zehn Jahren hatte Andreas Kossert die bundesdeutsche Gesellschaft anhand seines Buches „Kalte Heimat“ eigentlich eines Besseren belehrt. Haben wir es überhaupt vernommen? Oder ist es, wie Kossert mahnt, immer noch nicht in der „gesellschaftlichen Mitte“ angekommen? Kosserts Vortrag zumThema „Herzlich willkommen?! Erfahrungswelten von Vertriebenen in Deutschland nach 1945“ war dazu angetan, vieles zurechtzurücken.

Dr. Kossert hat ihnen, den Menschen, die aus den Ostgebieten vertrieben worden sind, zum ersten Mal eine Stimme gegeben. Hat aufgebrochen, was immer schwelte, was man hier nicht hören wollte, vielleicht auch schlicht nicht wahrgenommen hat. Dass die 14 Millionen eben nicht willkommen waren, dass sie vielmehr beschimpft wurden, dass man ihre Geschichten nicht hören wollte, sie nicht glaubte und ignorierte. „Polacken, Gesindel“, so beschimpfte man sie. Kossert brachte das Beispiel eines Emsländers, der nicht lange nach dem Krieg die drei größten Plagen aufzählte: „Wildschweine, Kartoffelkäfer, Flüchtlinge.“

Es kamen nicht Deutsche zu Deutschen“, klärte der Historiker von der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung auf. Nach außen hin war vom Wirtschaftswunder und dergleichen die Rede, die Not der Menschen blieb eine innere: „meist nur hinter verschlossenen Türen“, wie Kossert ausführte und: „Die Mehrheitsgesellschaft erfuhr das meist gar nicht.“

Hierzulande habe man sich darauf berufen, dass man ja keine Schuld daran trage, dass die Menschen ihre Heimat verlassen mussten. Die Reaktion: „Man kann doch nicht so einfach alles teilen.“ Dabei hatten diese Menschen neben ihrer Heimat zumeist auch ihre Familienbande, ihre Kultur, ja ihre Identität verloren. Und mussten jetzt darüber hinaus an neuen, völlig fremden Orten mit Anfeindungen leben, begegneten Misstrauen, manchmal regelrechtem Hass. Traumata wirkten bis heute, sagte Kossert, auch in den nachfolgenden Generationen.

Deutschland ist ein Flüchtlingsland“, betonte der Historiker und untermauerte das mit Zahlen: In Mecklenburg-Vorpommern lebten heute 51 Prozent Vertriebene und Flüchtlinge, in Schleswig-Holstein 40 Prozent, in Niedersachsen 33. „Flüchtlinge bleiben ein deutsches Lebensthema.“

Ohne es direkt anzusprechen, war sofort klar, dass sich die Situation der Vertriebenen und Flüchtlinge damals wie heute extrem ähneln. Anfeindungen waren die Regel, Ängste. „Der Verlust von Heimat“, erklärte Kossert, selbst Kind einer ostpreußischen Familie, „ist ähnlich traumatisch wie der Verlust eines geliebten Menschen. Besonders Alte zerbrechen daran.“ Der Historiker meinte das durchaus wörtlich, erzählte von Menschen, die an Heimweh gestorben sind: „irdische Heimatlosigkeit bis in den Tod.“ Flucht und Vertreibung bedeute immer tiefe Verletzung, Trauer und Schmerz.

Das bestätigte sich später in der Diskussion. Ein Gast aus Jena, Sudetendeutscher, schilderte das so extrem empfundene Leid zu Zeiten der DDR, als das Thema generell totgeschwiegen werden musste, man nicht Vertriebener war, sondern „Umsiedler“. Man sei als Revanchist beschimpft worden. Erst nach der Wende habe man sich mit anderen Betroffenen austauschen können. Der Redner machte durch seine eigene Geschichte klar, wie wichtig es ist, in der Fremde das Eigene, Gemeinsame pflegen und sich austauschen zu dürfen. Die alte Heimat zumindest im Gespräch zuzulassen.

Woher kommt der tiefe Hass, der Rassismus?“ Auch diese Frage kam auf, zusammen mit dem Einwand, dass heute, wo im Zuge der letzten Flüchtlingswelle noch einmal viele Menschen ins Land gekommen sind, doch im Gegensatz zur damaligen Situation niemand direkt betroffen ist, es keine Einquartierungen gibt, keine Einschränkungen für all jene, die schon hier leben. Darauf wusste auch Kossert keine Antwort, sah aber eine Parallele zwischen dem „Rassismus“, mit dem bereits nach dem 2. Weltkrieg deutsche Flüchtlinge und Vertriebene abgelehnt wurden, und heutigen rassistischen Äußerungen gegen die aktuellen Migranten.

Prof. Dr. Bernhard Parisius, Wissenschaftlicher Leiter der Dokumentationsstätte, hatte schon in seinem Einführungsreferat an diesem Abend untermauert, wie sehr alle vom Zuzug in den1940er, -50er Jahren profitiert hatten. Die 35 000 Flüchtlinge und Vertriebenen, die damals in Ostfriesland blieben, sorgten, so sagte Parisius, für verstärkten Handel und größeren Service, es startete eine Bildungsoffensive, Beamte kamen nicht mehr von außen, Ostfriesen erweiterten ihren Horizont. Und sei es, dass sie auf einmal lernten, was Mohn ist...

Man muss sich der Geschichte erinnern“, sagte Carl Osterwald aus den Reihen der Zuhörer. Aus der Erinnerung heraus müsse Verantwortung erwachsen und daraus die Zukunft gestaltet werden. Damit schlug der 91-Jährige, der auch erzählte,wie er als junger Soldat schreckliche Flüchtlingsschicksale gesehen und später als Pastor begleitet und immer wieder gehört hatte, den Bogen in die Gegenwart: „Wir haben alle die Möglichkeit, Engel zu sein.“

            
                 Unter dankbarer Verwendung eines Artikels im Ostfriesischen Kurier (Text).

>> zurück zur Übersicht