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Reformationsfest "Feiertag der unbezahlbaren Werte"

Überfülltes Gotteshaus beim Festakt zum 500.Jubiläum - Leidenschaftlicher Appell
Reformationsfest "Feiertag der unbezahlbaren Werte"
Feierliche Musik, kritischer Appell

Norden, 31. Oktober `17 - Den 500. Jahrestag der Reformation hat Superintendent Dr. Helmut Kirschstein am Dienstagabend dazu genutzt, um den Reformationstag am 31. Oktober als „Feiertag der unbezahlbaren Werte – kritisch gegen die ständig wachsende Verwirtschaftung des Lebens“ fortbestehen zu lassen. In diesem Jahr ist der 31. Oktober aufgrund des Reformationsjubiläums ausnahmsweise ein gesetzlicher Feiertag gewesen. Vor rund 1000 Besuchern in der Norder Ludgerikirche sagte Kirschstein in seiner Festansprache anlässlich eines gottesdienstlichen Festaktes mit einem feierlichen Konzert des Höchberger Kammerorchesters zusammen mit der Ludgeri-Kantorei: „Lasst uns den Reformationstag feiern: als Feiertag des weltbewegenden Wortes – kritisch gegen die mediale Flut des Schwachsinns und der Fake News.“ Der 60-jährige Geistliche erntete für seine geistreiche konfessionsübergreifende Rede, die auch kritisch mit dem Reformator umging, erst zaghaften, dann länger anhaltenden Applaus.Offener Beifall für eine Predigt in einem Gotteshaus ist eher ungewöhnlich. Der Superintendent hatte mit seiner appellierenden Rede offenbar den Nerv der Besucher getroffen, die sich eigentlich auch auf ein hochwertiges Konzert des Höchberger Kammerorchesters der Philipp-Nicolai-Kantorei in Unna eingestellt hatten.

Kirschstein versuchte eine Antwort auf die Frage: „Wie kann es sein, dass eine rechtspopulistische Partei, die in ihren Reihen nationalsozialistische Stimmen duldet, als drittstärkste Kraft in den Deutschen Bundestag einzieht?“ Er ist der Überzeugung, dass es die Angst der keinesfalls abgehängten und armen Wählerschaft sei: „Die Angst, ihren Wohlstand, ihren Einfluss, ihr vertrautes Milieu und ihre vertraute Kultur zu verlieren.“ Wobei Angst immer ein schlechter Ratgeber sei. „Diese Angst ist ein Ausdruck der Gottlosigkeit“, so Kirschsteins These. Für viele gehöre es mittlerweile zum guten Ton, Gott los zu sein, also gottlos zu sein. „Wohlgemerkt: Den Gott los zu sein, der für Menschenwürde und freies Gewissen steht, für die Gleichheit der Menschen und für die Verantwortung des Einzelnen.“

Martin Luther war vor 500 Jahren getrieben, „gegen die Unterdrückung der Wahrheit und des freien Gewissens“ durch die katholische Kirche vorzugehen. Der sich eingeschlichene Ablasshandel damals, also das Freikaufen von Sünden gegen entsprechende Bezahlung bei der Kirche, könne unmöglich gottgewollt sein. „Was für eine Ökonomisierung des Heils“, so Kirschstein in seiner Festansprache. In Kenntnis der in lateinischer Sprache gehaltenen Heiligen Schrift konnte Luther Gott nicht „als pedantischen Bankier und Großhändler sehen“. Ein höheres Wesen, das Sündenschuld gegen gute Werke, also in klingender Münze für die Kirche und den Papst, als Gottes Vertreter auf Erden, verrechne.

These Nummer 62, die Luther als eine von 95 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche nagelte, lautete: „Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes“. Also der gnädige, barmherzige Gott und nicht der stets Sünder bestrafende. „Solus Christus, Christus allein: Noch in den tiefsten Tiefen ist er bei dir – aus freien Stücken, aus purem Wohlwollen“, zitiert Kirschstein die Worte Luthers: „Er opfert sich auf für uns, er verzeiht, er vergibt, er beschenkt: Gnade ist sein ganzes Wesen.“ Eine andere Welt auch zu heute, in der sich die zunehmend (falsch-)informations-überflutende Gesellschaft zunehmend entsolidarisiert.

Und so war am Dienstagabend das hochkarätige kostenlose Konzert für viele Norder ein willkommener Anlass, sich die Kantate von Johann Sebastian Bach „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ sowie die Symphonie Nummer zwei „Lobgesang“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy in ganzer Länge anzuhören und anzusehen. Dirigent Thiemo Janssen, Organist und Kantor an der weltberühmten Arp-Schnitger-Orgel der Ludgerikirche, bereitete es sichtlich Freude, mit seiner ruhigen Art das Ensemble zusammen mit den Sängerinnen und Sängern der Ludgeri-Kantorei nebst Gästen zur Höchstform zu animieren. Als Solisten fungierten die Mezzosopranistin Nicole Pieper aus Hamburg, Stephanie Henke aus Bremen (Sopran), der Detmolder Gottfried Meyer (Bass) sowie Michael Connaire aus Lüneburg als Tenor, der kurzfristig für den erkrankten Mirko Ludwig einspringen konnte.

135 Minuten musikalische Unterhaltung und ein Blick auf das tradierte Leben des Reformators Martin Luther. Jemand, der als Begründer der evangelisch-lutherischen Kirche auch nicht frei war von Sünde. „In mancherlei Hinsicht hat Martin Luther versagt“, so Kirschstein: „Als alter Mann verstieg er sich gegenüber den Juden, denen er Tod und Teufel an den Hals wünschte.“ Da habe er selbst den Schatz des Evangeliums aus dem Blick verloren und war dem Zeitgeist verfallen.

Dem Zeitgeist der Wirtschaft und Politik, kirchliche Feiertage dem Bruttosozialprodukt zu opfern, sollte mit dem Reformationsjubiläum Einhalt geboten werden. „Es ist die Gottlosigkeit eines oft so gnadenlosen Wirtschaftens und eines in Kauf genommenen Werteverlusts, die zu allgemeiner Orientierungslosigkeit geführt hat“, lautete eine von Kirschsteins Thesen am Dienstag. Er wäre wie Luther sicherlich auf mindestens 95 gekommen.


                        < Text: Ostfriesischer Kurier / Henning Wieting - veröffentlicht mit herzlichem Dank! >

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