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Vorbild für Aussöhnung, Dialog und Verständigung

Bundesverdienstmedaille für Pastorin i. R. Almut Holler: Kein Ende der Erinnerung!
Vorbild für Aussöhnung, Dialog und Verständigung
Ausgezeichnet: Pastorin i.R. Almut Holler

Norden, 28. März `19 – Treffender als der Bundespräsident kann man es vermutlich nicht sagen, weshalb wohl auch Landrat Harm-Uwe Weber das Steinmeier-Zitat gestern an den Beginn seiner Laudatio stellte: „Es gibt kein Ende des Erinnerns. Gerade, wenn es um das Leid und das Unrecht geht, das von Deutschen begangen wurde, darf es keinen Schlussstrich und auch keine Wende zu einem neuen Nationalismus geben.“ In dem Wunsch, diese Erinnerung an die jüdischen Mitbürger in Norden und ihre Geschichte nicht enden zu lassen, erkannte Weber die Triebfeder für das Engagement von Almut Holler.

Für ihren Einsatz gegen das Vergessen, gegen Judenfeindlichkeit und für eine Aussöhnung mit den Überlebenden des Holocaust sowie deren Nachkommen wurde die stellvertretende Vorsitzende des Ökumenischen Arbeitskreises Synagogenweg gestern mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Zu der Feierstunde hatte der Landkreis Familie, Freunde, Weggefährten und Mitstreiter Hollers in den Rummel des Alten Norder Rathauses eingeladen.

Almut Holler empfinde die Lehren aus der Vergangenheit als Auftrag für ihr Handeln, sagte Weber. Seit den 80er-Jahren engagiert sich die frühere Pastorin im Arbeitskreis Synagogenweg, seit 2016 ist sie stellvertretende Vorsitzende dieses Kreises. Gemeinsam mit den weiteren Mitgliedern des seit 2015 eingetragenen Vereins widmet sie sich der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Norden und versucht die Erinnerung an die 250 Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Norden lebten und von denen die Hälfte im Holocaust umkam, wachzuhalten. „Sie haben den Opfern ein Gesicht gegeben“, so Weber.

Auf Initiative des Arbeitskreises geht nicht nur die Errichtung des Mahnmals auf dem Friedhof zurück, er organisiert auch die Verlegung von Stolpersteinen vor den Häusern ehemaliger jüdischer Bürger. Seit 2009 wurden inzwischen fast 100 dieser Gedenksteine verlegt. Auf Anregung des Vereins wurde eine Gedenktafel am Geburtsort der Widerstandskämpferin Recha Freier angebracht, außerdem wurde ein Platz nach ihr benannt. Und jährlich richtet der Arbeitskreis mit Unterstützung der Kirchengemeinden am Platz der früheren Norder Synagoge die Gedenkfeier zur Pogromnacht aus.

Zu einer Lebensaufgabe, wie es Holler selbst gestern nannte, hat sich der Aufbau eines Dokumentations- und Lernortes in der ehemaligen jüdischen Schule entwickelt. Derzeit entsteht dort eine Sammlung zum jüdischen Alltagsleben in Norden, die in einer Dauerausstellung münden soll. Diese soll die Juden nicht allein als Opfer des Holocaust zeigen, sondern das reiche jüdische Leben in Norden über vier Jahrhunderte.

Durch ihre intensiven Nachforschungen zur Geschichte der Familien gebe Holler den Opfern ihre Identität zurück und vermittele den Nachfahren Informationen zu deren Familiengeschichte. „Sie können ihnen oftmals Dinge erzählen, die sie selbst noch gar nicht wussten.“

Weber ermunterte Holler sowie den gesamten Arbeitskreis, in ihrem Engagement nicht nachzulassen. „Dieser Einsatz für Verständigung und Toleranz hat nichts an Bedeutung verloren.“ Europa rücke nach rechts, die Erinnerungskultur gerate zunehmend unter Druck. „Darum ist die Arbeit, die Sie und Ihre Mitstreiter leisten, so unglaublich wichtig.“ Der Orden sei Dank und Anerkennung, aber er könne anderen auch als Inspiration dienen, dem Vorbild Almut Hollers nachzueifern und sich für Aussöhnung, Dialog und Verständigung einzusetzen.

Bürgermeister Heiko Schmelzle gratulierte im Anschluss an die Rede im Namen von Rat und Verwaltung der Stadt. Er hob insbesondere das Engagement Hollers im Kontakt mit den Nachfahren der Vertriebenen hervor. Holler und dem Arbeitskreis sei es gelungen, ein Vertrauen zu schaffen, das es den Nachkommen ermöglicht habe, den Nordern die Hand zur Versöhnung zu reichen, sagte Schmelzle.

Holler selbst betrachtete die Auszeichnung nicht nur als eine Ehre, sondern auch als Verpflichtung weiterzumachen. Das könne und wolle sie aber nicht allein tun. „Ich will gern die Gallionsfigur sein, aber ohne euch bin ich nichts“, sagte sie in Richtung der Arbeitskreis-Mitglieder. Sie sei keine Einzelkämpferin, die im stillen Kämmerlein arbeite. „Das macht keinen Spaß.“ Außerdem sei die Aufgabe zu groß für einen Menschen und ein Menschenleben.

Ein besonderes Anliegen war es Holler, in ihren Dank Lina Gödeken einzuschließen. „Die Hälfte des Ordens gehört ihr.“ Lina Gödeken habe mit ihrer Forschungsarbeit und der Gründung des Arbeitskreises Synagogenweg den Grundstein gelegt. Holler: „Ich setze ihre Arbeit nur fort und entwickele weiter, was sie begonnen hat.“

          Veröffentlicht mit herzl. Dank an den OSTFRIESISCHEN KURIER (Text und Bild)

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