Sie sind hier: Aktuelles

Um der Freiheit willen: Deutschland-Fahne am Altar

Reformationstag mahnt: Fahne und Land nicht den Rechten überlassen!
Um der Freiheit willen: Deutschland-Fahne am Altar
Ungewöhnliche Mahnung: Fahne am Altar

Norden, 31. Oktober 2018 - Nur die, die ganz hinten saßen, mögen sie vielleicht noch nicht gesehen haben. Für alle anderen Gottesdienstbesucher wird sie eine Überraschung gewesen sein. Eine Deutschland-Fahne war gestern auf dem Altar in der Ludgerikirche in Norden abgelegt. Ganz bewusst. Denn unter der Überschrift „Zur Freiheit hat uns Christus befreit" hielt Superintendent Dr. Helmut Kirschstein eine leidenschaftliche Predigt. Die deutsche Fahne sei in Verbindung mit dem Evangelium zum Zeichen der Freiheit und der Menschenwürde geworden. „Eine Verbindung, die uns der Reformationsfeiertag neu ans Herz legt." Die Gottesdienstbesucher waren beeindruckt von seiner Predigt. Sie applaudierten erst vorsichtig, dann stärker.

Gut 500 Menschen waren gestern, am „ersten gesetzlich geschützten Reformationstag", so Dr. Kirschstein, zum Fest-Gottesdienst in die Ludgerikirche gekommen. Ein Feiertag, „auf den ich mich richtig gefreut habe", bekannte der Superintendent. „Aufbruch ist angesagt. Es ist ein besonderer Tag in der Kirche." Die musikalische Ausgestaltung, die auch sehr zum Gelingen dieser Feier beitrug, übernahmen Kantor Thiemo Janssen an der Arp-Schnitger-OrgeI sowie die Ludgeri Gospel Singers unter Leitung von Hanno de Vries. Der Chor wurde musikalisch begleitet von Jochen Fischer am Saxofon, Take Weiland am E-Piano und Sören Janssen am Bass.

In seiner Predigt beschrieb Dr. Kirschstein, dass die Evangelisch-reformierte Schwesterkirche die Bundesregierung aufgefordert habe, sich für das Rettungsschiff „Aquarius 2" einzusetzen und es unter deutsche Flagge zu stellen. Das Schiff gehört einer Bremer Reederei. die Hilfsorganisationen „SOS Mediterranée" und „Ärzte ohne Grenzen" haben es gechartert. Seit mehr als einem Monat liege das Schiff bereits untätig im Hafen von Marseille. Dabei habe es seit 2016 rund 30.000 Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. „Flüchtlinge? Menschen. Menschen auf ihrem verzweifelten Weg in die Freiheit." Aufgrund politischen Drucks Englands und Italiens sei dem Schiff erst die Flagge Gibraltars, dann Panamas entzogen worden. Kirschstein wurde deutlich: „Was für ein Skandal, dass europäische Staaten den Einsatz von Rettungsorganisationen mit voller Absicht verhindern. Stellt das Schiff unter deutsche Flagge." Genau deshalb liege eine deutsche Fahne auf dem Altar. „Eine Provokation? Ein Brückenschlag hinüber nach Marseille.“ Zur Erinnerung auch an die Willkommenskultur des Jahres 2015. Und zur Mahnung „an unsere bleibende Verantwortung, das Miteinander in unserem Land für alle menschenwürdig zu gestalten". Für die Flüchtlinge sei die Fahne ein Zeichen der Hoffnung, ein Symbol der Menschlichkeit und der Freiheit.

Und es gebe einen weiteren Grund. Man habe sich schon fast daran gewöhnt, dass die deutsche Fahne bei Aufmärschen rechter Populisten durch die Straßen getragen werde. Bei Demonstrationen für nationalen Egoismus, für Verblendung und Verblödung. Doch heute, so Dr. Kirschstein, erklären wir feierlich: Wir überlassen euch diese Fahne nicht". Denn „wir überlassen euch auch unser Land nicht". Manches der vergangenen Wochen erinnere an Zeiten, „die wir für längst vergangen hielten". Zum Zeichen, dass die Kirche dieses Mal wach sei, liege die Fahne auf dem Altar dieser evangelischen Kirche. „Wir stehen zu dieser Demokratie, zur besten Verfassung, die Deutschland je hatte."

Das vorgesehene Wort zum Reformationstag stehe in der Bibel in Galater 5, Vers 1. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen." Der freie Tag sei ein Tag für die Freiheit. „Im unruhigen Herbst des Jahres 2018 erinnert uns die Botschaft der Bibel an die tragende Grundlage unseres Miteinanders." Aktueller könnte das Evangelium am Reformationsfeiertag nicht klingen, so Kirschstein.

Im Anschluss an den Gottesdienst trafen sich die Menschen zu einem „Lutherschmaus" im Chorumgang. Es gab dunkles Brot mit „Grybenschmaltz und sauren Gurkken", dazu original Luther-Bier. Der Norder Bürgermeister Heiko Schmelzle wurde in einem Interview nach notwendigen Reformen in Kirche und Gesellschaft befragt.

                  Text und Foto: OSTFRIESISCHER KURIER vom 1. November, Seite 3 - mit herzlichem Dank!

>> zurück zur Übersicht