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Große Begeisterung für den "Rebell wider Willen"

Landesbühne präsentiert Martin Luther im Rock-Oratorium
Große Begeisterung für den "Rebell wider Willen"
St.Ansgarikirche als Bühnenraum: genial!

Hage, 19. Oktober `17 – Ein weiterer Höhepunkt im Jubiläums-Programm des Kirchenkreises Norden: Laut und rockig, frech, dreist und direkt, das ist „Luther! – Rebell wider Willen“. Am Ende stand das Publikum in der St. Ansgari-Kirche in Hage, klatschte frenetisch Beifall für die Aufführung der Landesbühne aus Wilhelmshaven. Und wer sitzen geblieben war, trampelte mit den Füßen auf den Boden. Kein Zweifel, die Idee, die Geschichte des Reformators Luther im Reformationsjahr 2017 auf die Bühne, vielmehr in die Kirchen zu bringen, ist auf große Begeisterung gestoßen.

Die Kirche als Bühnenraum – eine geniale Idee. Vorn wird aus einer verschachtelten Holzkonstruktion eine Art Kulisse aufgebaut, alles bleibt gewollt einfach, wie im Aufbau begriffen. Und die Bühne ist ohnehin der ganze Kirchenraum. Da steht Emanuel Jessel als Maler Cranach, als Erzähler oder Kaiser Karl V. auf der Kanzel, kommt der Chor, der in vielfältigen Rollen ins Geschehen einbezogen ist, aus den ersten Kirchenreihen in den Gang, fliegen die Thesenblätter Luthers durch die Luft, erscheint die Heilige Anna von der Empore, wo die Orgel steht. Anders gesagt: Das Publikum ist stets mittendrin im Geschehen, ein Teil des Ganzen. Und ist zwischenzeitlich so mitgerissen, dass es einfach losapplaudiert. Ist eben einiges anders als sonst beim Auftritt des Ensembles in einem „normalen“ Saal mit Bühne.

Erich Radke und Tatjana Rese haben sich die zentralen Stationen in Luthers Leben herausgegriffen, daraus das dramatische Stück inszeniert. Es ist durchaus von Vorteil, wenn man sich vorher mit Luther ein wenig beschäftigt hat, etwas mehr weiß als nur, dass er die 95 Thesen verfasst hat und als Vater der Reformation gilt. Sonst ist es schwierig, dem Ganzen adäquat zu folgen, die Beziehungsgeflechte untereinander zu verstehen, alle Figuren richtig einzuordnen. Allerdings tut es dem beeindruckenden Erleben des Stücks keinen Abbruch.

In Hage war es neben dem der Geschichte entsprechend im Mittelpunkt stehenden Matthias Jahrmärker als Luther besonders Emanuel Jessel, der das Publikum in Entzücken und immer wieder Erstaunen versetzte. Zuvor war angekündigt worden, dass Ben Knop an diesem Abend leider nicht auftreten könne und dass Jessel neben seinen Rollen als Generalvikar Staupitz, Drucker und Kardinal van Utrecht zusätzlich Knops Rollen übernehme. Also Jessel auch als Lucas Cranach, als Erzähler, als Kaiser Karl V. Das Publikum war um Verständnis gebeten worden für etwaige kleine Verfehlungen. Allerdings musste man sich fragen, was hätte besser gemacht werden können? Jessel stand da oben auf der Kanzel, als gehöre er dort hin. Malte mit dickem Pinsel auf der Luftleinwand und erzählte als Cranach Luthers Leben, wuchs über sich hinaus als spanisch sprechender Karl V. Was auch immer er da tat – er war genial. Fast so genial wie als Sänger. Eine beeindruckende Vorstellung!

Matthias Jahrmärker spielt einen überaus verletzlichen Luther, der zeit seines Lebens mit sich selbst und der Welt hadert. Der sich geißelt, sich bestraft, der rastlos ist auf der Suche nach dem direkten Weg zu Gott. Das macht ihn besonders authentisch. Jahrmärker ist einer von vielen Gästen, die die Landesbühne für die Luther-Aufführungen verpflichtet hat. Seine warme Stimme passt wunderbar zu diesem Menschen, der sein Leben lang getrieben war.

Das Oratorium ist getragen von Musik aller Facetten. Da hat Radke bunt gemischt, hier Orgelklänge, sanfte Querflötentöne, dann lauter starker und schwerer Bass, es erklingt lieblich und tragend und wird plötzlich durchdringend rockig und aggressiv. Es sind schwere Stücke, die die Schauspieler und Sänger zu bewältigen haben. Nicht immer ist alles gut zu verstehen, obwohl alle sehr akzentuiert und deutlich singen. Das ist auch der Akustik geschuldet.

Dafür entschädigt der Eindruck durch die Kirchenraumkulisse. Am Ende drehen sich die Scheinwerfer rundum. Da wird auch die Jesusfigur angestrahlt, die über dem Ganzen in der Kirche hängt. Wie passend für diese Geschichte!

Viele der Auftretenden schlüpfen in mehrere Rollen. Sie schwirren mal als Mönche, dann als Drucker, Heilige, Fürsten und Herzöge durch die Kulissen. Ob Christoph Sommer oder Kristina Neuwert, ob Benjamin Muth oder Stephanie Braune – ihnen gelingt es vorzüglich, mit den Gewändern ihre Haltungen, ihre Mimik, ihre Sprache zu verändern, der jeweiligen Rolle anzupassen. Das ist schon richtig stark.

Und dann sind da neben Jahrmärker als Luther Johannes Nepomuk als Schriftengießer Stephan und Bas Timmers als Teufel. Zwei Männer, die nachhaltig in Erinnerung bleiben dürften. Da ist dieser fiese Teufel – ja, auch Timmers hat auf dem Papier mehrere Rollen inne, aber in jeder darf er diesen Teufel spielen. Eckig, eklig, arrogant. Spitz und durchdringend in der Stimme, mal schleimend, mal schlagend, undurchschaubar, diese androgyne Figur. Der Teufel ist allgegenwärtig – toll gemacht und ebenso toll gespielt! Johannes Nepomuk ist im Gesang nicht immer gut zu verstehen, seine Stimme manchmal gewöhnungsbedürftig. Dabei hat er so viel zu erzählen. Nichtsdestotrotz spielt Nepomuk ergreifend, ist unglaublich präsent und damit eine zentrale Figur im Stück.

Ihrer aller Sprache ist – der Zeit und dem Geschehen und gerade dem Stil und Anliegen Luthers angemessen – derb und deutlich. Wörter werden „ausgekotzt“, der Teufel „kackt ins Gehirn“, und „aus dem traurigen Arsch fährt nie ein froher Furz“. Das passt, auch wenn empfindliche Ohren sowas nicht gern in der Kirche von heute hören mögen. Richtig gut, dass es auch dabei immer diese direkte Verbindung Historie und Gegenwart gibt. Anspielungen auf aktuelle platte Slogans beim Werben für den Kauf von Ablassbriefen. Passt super!

Regisseurin Rese lässt dick auftragen im Geschehen, aber das Ganze ist in sich stimmig. Dabei immer wieder im Zentrum: „Ein feste Burg ist unser Gott“ – das Lied der Protestanten, das schon Heinrich Heine und Friedrich Engels als „Marseillaise“ bezeichneten. Besonders in Erinnerung bleibt es, als es Jahrmärker als körperlich wie seelisch leidender Luther vorträgt. Sehr überzeugend.

Das Publikum hat einen Abend genossen, der auch eine Initialzündung sein könnte, Aufführungen solcher Art weiter zu verfolgen.

 

< Mit herzlichem Dank an den OSTFRIESISCHEN KURIER (Text). >

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