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Rückblick

23. Juni 2013

"Ur-protestantisch": 300 Jahre Holy-Orgel

Marienhafe: Landesbischof Ralf Meister predigt im musikalischen Festgottesdienst
"Ur-protestantisch": 300 Jahre Holy-Orgel

Marienhafe, 23. Juni `13 - Gerhard von Holy, Meisterschüler Arp Schnitgers, starb früh und hinterließ nur wenige spielbare Orgeln - die beiden am besten erhaltenen stehen im heutigen Kirchenkreis Norden: in Dornum und in Marienhafe. Für die Marienhafer Kirchengemeinde Grund genug, mit einem beeindruckenden Festgottesdienst den 300. Geburtstag ihres berühmten Instruments zu feiern. In der Marienkirche erklang dabei nicht nur Orgelmusik: Der Posaunenchor unter der Leitung von Johann Barkhoff und der Brookmerlander Chor "Jubilate Deo" (Ltg. Ilse Janssen) trugen zur Feststimmung bei - ganz im Sinne von Landesbischof Ralf Meister, der die Predigt hielt.

Als Bibelwort hatte der Gastprediger jenen Text zugrundegelegt, der als Schriftband die Orgel ziert: Psalm 150 ("Halleluja! Lobet Gott in seinem Heiligtum..."). Die Marienhafer "Königin der Instrumente", ein "Kleinod ostfriesischer Orgelbaukunst" (Meister), bot ihm die Gelegenheit, die grundsätzliche Bedeutung der Musik für die evangelische Kirche herauszustellen. Anders als bei den Katholiken, deren Gottesdienste mit farbenprächtigen Gewändern "eher was für´s Fernsehen" sind, sei die protestantische "Kirche des Worts" wohl immer noch besser für Radio-Gottesdienste geeignet. "Wäre ich als katholischer Bischof zu Ihnen gekommen, sähen Sie mich hier oben auf der Kanzel mit einer tiefroten Casel - ich bin aber evangelisch, darum ist alles schwarz-weiß", sagte Meister mit einem Augenzwinkern.

Umso wichtiger sei für Protestanten von Anfang an die Musik gewesen. Die evangelische Bewegung habe die Kirchenmusik überhaupt erst aus ihrer ängstlichen Regulierung durch die Katholiken befreit und von der Einstimmigkeit zur Vielstimmigkeit gebracht. Die Musik eröffne den Raum der Gottesbegegnung - und dies im typisch evangelischen Sinne des "Priestertums aller Gläubigen": Jeder Einzelne sei gleichermaßen hineingenommen in den Lobpreis und begegne dem göttlichen Gegenüber doch auf seine ganz individuelle Weise. So sei die Kirchenmusik zum besonderen Schwerpunkt evangelischer Frömmigkeit gereift. Dabei trete die Musik als Verkündigung unverzichtbar neben die Predigt des Wortes Gottes. Wie Psalm 150 Posaunen, Psalter und Harfen zum Gotteslob aufrufe, seien mit der Orgel und den klassischen Instrumenten auch die modernen Möglichkeiten zeitgenössischer Musik zu nutzen. Das "Hallelujah" aus Händels "Messiah", vor etwa drei Jahren von einem US-amerikanischen Chor in einem Kaufhaus per "Flashmob" aufgeführt und dann auf Youtube mehr als 40 Mio. mal im Internet angeklickt, signalisiere die außergewöhnliche Kraft musikalischer Inszenierungen in der Gegenwart.

Hätte der Predigtinhalt eines Beweises bedurft - die Klangvielfalt des Festgottesdienstes lieferte einen wunderbaren Beleg für die tiefe Wahrheit der bischöflichen Rede. Die Gerhard-von-Holy-Orgel brillierte mit Johann Gottfried Walthers Toccata C-Dur zu Beginn und Johann Pachelbels Toccata in C zum Beschluss des Gottesdienstes. Choralvorspiele zu "Halleluja, Gott dem Herrn", einer Nachdichtung von Psalm 150 im reformierten Gesangbuch (Martin Mans) und über "Lobe den Herren, den mächtigen König" (Gottfried Walther) wechselten sich mit anspruchsvollen A-cappella-Stücken des Chores ab: "Locus iste" (Anton Bruckner) und Psalm 100 "Jauchzet dem Herrn alle Welt" (Felix Mendelssohn-Bartholdy). Der gut disponierte Klangkörper des Posaunenchors übernahm Intonationen und Choralbegleitung des Gemeindegesangs - auch hier war alles auf "Preis und Dank" gestimmt (etwa EG 288: "Nun jauchzt dem Herren alle Welt").

Zur Gestaltung des eindreiviertelstündigen Gottesdienstes trug nicht zuletzt Pastor Eskil Wohlberg bei, der von der herzlichen Begrüßung bis zur Fürbitte durch das abwechslungsreiche Programm führte. So geriet das Geburtstagsständchen für Posaunenchorleiter Johann Barkhoff und seine Frau beim Kanon der zahlreich erschienenen Gottesdienstbesucher ebenso zu einem Höhepunkt wie der Blumen-Dank an Organistin Jutta van Hülsen, die seit 46 Jahren die Holy-Orgel spielt und auch die Reihe der Sommer-Konzerte verantwortet. Schließlich segnete der Marienhafer Geistliche auch noch zwei Gemeindeglieder zur Entsendung nach Tansania aus, wo beide in den nächsten Tagen die Partnergemeinde Bombo besuchen werden.

300 Jahre Holy-Orgel in Marienhafe - dieser Gottesdienst wird sicherlich lange in bester Erinnerung bleiben. Und auch Legenden leben länger: Hatte der Landesbischof nach seiner verregneten Anreise zu Beginn der Predigt mit einer "Legende" aufräumen wollen - "wenn der Bischof kommt, wird das Wetter gut" - dürfte die lachende Gemeinde nicht schlecht gestaunt haben, als wenig später der Himmel aufriss und helles Sonnenlicht durch die Fenster der altehrwürdigen Marienkirche fiel...