Gnadenkirche Tidofeld


Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld, Donaustr. 12, 26506 Norden

Die Dokumentationsstätte ist eröffnet!

Deutschlandweit einmaliges Projekt nach 8 Jahren realisiert

Acht Jahre lang hat die Planung des Projekts „Einrichtung einer Dokumentationsstätte in der Gnadenkirche Tidofeld“ gedauert. 15 verschiedene Sponsoren hat das Projekt: „Die Vielzahl der Unterstützer sagt etwas aus über die Breite der Unterstützung, die wir erfahren haben - aber auch über die großen Probleme der Gesamtfinanzierung“, sagte der Vorsitzende des Vereins Gnadenkirche Tidofeld, Dr. Helmut Kirschstein bei der offiziellen Eröffnung der Dokumentationsstätte am Sonnabend, 2. November 2013. Die Mitglieder der Projektgruppe brauchten „manches Mal eine Menge Gottvertrauen, um an den Erfolg zu glauben“.

Mit einem Festgottesdienst im historischen "H-Gebäude" (ehem. Lagerschule und -kindergarten) begannen die Feierlichkeiten. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, geistlicher Schirmherr des Projekts, hielt eine viel beachtete Festpredigt mit aktuellen Bezügen zur Migrationsproblematik im Mittelmeerraum und in Europa. Nach inhaltsreichen Grußworten der Norder Bürgermeisterin Barbara Schlag und des Vertreters des kath. Bistums Osnabrück, Direktor Dr. Hermann Queckenstedt (Leiter des Diözesanmuseums), sprach der ehem. nds. Kultusminister und Landtagspräsident a.D. Prof. Rolf Wernstedt in Vertretung des verhinderten gesellschaftspolitischen Schirmherrn, Ministerpräsident Stephan Weil. Wernstedt erhielt für seine differenzierten Gedanken über Erinnerung an Flucht, Vertreibung und Integration - gestern und heute langanhaltenden Beifall.

Auf dem Gelände eines der größten Flüchtlingslager Nordwestdeutschlands wird im Norder Ortsteil Tidofeld an die schweren Jahre der Integration mit allen Licht- und Schattenseiten erinnert.

  • Wie hier die Betroffenen selbst zu Wort kommen, ist deutschlandweit einmalig: Persönlich Erfahrenes wird in Zeitzeugeninterviews lebendig. Über zahlreiche Bildschirme mit modernster Touchscreen-Technik können sich die Besucher in diese Lebensgeschichten hineinbegeben.
  • Zugehörige Exponate – private Dinge des Alltags, die häufig den langen Fluchtweg begleiteten und auch nach der Ankunft wichtig blieben – illustrieren das Erzählte.
  • Ein Wandfries mit Daten, Fakten und Hintergründen hilft zur globalen Einordnung.
  • Ein Modell des Flüchtlingslagers Tidofeld, kombiniert mit historischen Aufnahmen, lässt die Dimensionen des Lagerlebens erahnen.
  • Eine Handbibliothek und weitere Computer mit Langfassungen der Interviews und Filmbeispielen zum Themenkreis ermöglichen die intensive Vertiefung.
  • Eine Station "Ausblick" präsentiert aktuelle Filme zum Thema "Flucht, Vertreibung, Integration" und gibt Beispiele für die gesellschaftliche wie kirchliche Herausforderung angesichts der Migrationsbewegungen unserer Zeit.

Die Aktualität

Flucht und Vertreibung, gescheiterte und gelungene Integration: In unserer globalisierten Welt ist kaum ein Thema von so brisanter Aktualität. Krieg und Frieden, das Wohlergehen ganzer Länder und Bevölkerungsgruppen hängt davon ab, ob nach grausamen politischen Ereignissen die Integration der besonders schwer Betroffenen gelingt.

Auch im Deutschland der Gegenwart hat die damit verbundene Fragestellung eine außergewöhnliche Bedeutung – für Migranten aller Art, für Asylbewerber aus Nordafrika wie vietnamesiche Boatpeople, ehemalige „Gastarbeiter“ und neu hinzugekommene „Russlanddeutsche“... Und für die ortsansässige Bevölkerung nicht minder.

Dabei ließe sich aus der jüngeren deutschen und europäischen Geschichte lernen. Flucht, Vertreibung und Integration sind das Thema einer ganzen Generation – und sollten es auf neue Weise für gegenwärtige und zukünftige Generationen werden. Um der Mitmenschlichkeit willen – im Geiste christlich-humanistischer Grundwerte.


Die Aufgabe

Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs und im Anschluss daran werden zunehmend in den Medien behandelt. Über das Schicksal der Betroffenen nach der Ankunft auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland gibt es aber kaum Darstellungen, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten.

Es besteht aber ein großer Bedarf nach Information und Orientierung, um das eigene Erleben einordnen zu können. Das zeigt sich in Gesprächen mit Angehörigen der Erlebnisgeneration und ihren Kindern. Auffällig ist, dass Kinder und Enkel von ihren Eltern meist wenig darüber erfahren haben.

Der Informationsbedarf zeigt sich auch in Gesprächen mit älteren Einheimischen, die die Ankunft der Vertriebenen miterlebt haben, und jüngeren, die Vertriebenenfamilien kennen gelernt haben, aber nicht wissen, wann und warum diese hierher gekommen sind.

Die Bedeutung des Themas spiegelt sich auch in den Rahmenrichtlinien für alle allgemeinbildenden Schulen, in denen die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen am Ende des Zweiten Weltkriegs als wichtiger Lernbereich im Bereich Migration und Verwirklichung von Menschenrechten genannt wird. Doch auch hier ist zu beklagen, dass in Schulbüchern dazu bisher fast keine Informationen geboten werden.


Der Ort

Modell des Lagers Tidofeld

Die Gnadenkirche Tidofeld wurde 1961 an Stelle einer Barackenkirche erbaut. Dieser Behelfsbau bot bis dahin evangelischen wie katholischen Christen in einem der größten Vertriebenen-Lager Nordwestdeutschlands eine spirituelle Heimat.

Damit dokumentiert die Gnadenkirche im Norder Stadtteil Tidofeld schon als Gebäude deutsche und europäische Geschichte. Sie ist wegen ihrer Größe und ihrer Lage in der Mitte einer Vertriebenensiedlung eine der herausragenden Vertriebenenkirchen Deutschlands.

Die wertvollen Fenster des Oldenburger Künstlers Prof. Max Herrmann (+1999) sind das ausdrucksvollste Stilmittel des Gebäudekomplexes, der auch als charakteristisches Baudenkmal der 50er und 60er Jahre des 20. Jahrhunderts eine besondere Würdigung verdient: Seit Mitte 2007 steht die Gnadenkirche Tidofeld unter Denkmalschutz.