"Der Höhepunkt des Kirchenjahrs!"

Norden-Tidofeld, 23. November 2020

Seenotrettung und Menschenwürde: Berührender Rundfunk-Gottesdienst aus Tidofeld

„Das war der Höhepunkt des Kirchenjahres!“ sagte die älteste Anruferin im Rückblick auf den Gottesdienst, den der DEUTSCHLANDFUNK am Ewigkeitssonntag „live“ aus der Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld übertrug. Die 91-jährige aus Berlin sah das Norder Team in einem „Rang“ mit den „Widerstandskämpfern“ und fühlte sich an ihren längst verstorbenen Altbischof Kurt Scharf erinnert. Tatsächlich ging es bei der Übertragung um die Rettung von Menschenleben: „Wir können nicht Weihnachten feiern und die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen!“ so die Berlinerin.

Wie sie, so sahen es die allermeisten der rund 60 Anruferinnen und Anrufer und der rund 40 E-Mails: „Sehr berührt“ habe sie der Gottesdienst, „schwer beeindruckt“, „noch einmal auf ganz neue Gedanken gebracht“. Zwei Stunden lang waren zwei Telefone freigeschaltet, an denen Lennart Bohne, Herma Heyken und Superintendent Dr. Helmut Kirschstein den AnruferInnen Rede und Antwort standen. Die meldeten sich aus Potsdam, München und Karlsruhe, Erfurt, Dresden und Bonn, Bremen, Stuttgart und Görlitz, sogar aus Dänemark und aus der Schweiz – und mehrfach aus Berlin. Einige wenige zeigten auch ihren Ärger über den „politischen Gottesdienst“, hielten dessen Botschaft zur Rettung der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer für „einseitig“ und vermissten den Trost für die eigene Seele am „Totensonntag“. Aber wie hatte es die 91-jährige mit klarer Stimme gesagt? „Lassen Sie sich nicht bangemachen! Wenn jeder Gottesdienst in Deutschland diese Klarheit hätte, würde das etwas verändern!“

Zu dieser Klarheit hatte die lange Vorbereitung beigetragen: Seit Ende Juli hatte der Norder Superintendent in Absprache mit Radiopastor Frank-Michael Theuer (Deutschlandradio, Köln) und Radiopastor Oliver Vorwald (NDR, Hannover) unter Mitwirkung von Medien-Vikar Manuel Hegel (GEP, Frankfurt) ein Team vor Ort organisiert: Jochen Fischer (Keyboard, Saxofon, Klarinette) koordinierte die Musik mit Edda Liebermann (Akkordeon) und den Sängerinnen Kristina Christians und Heike de Vries (Ludgerikantorei), Joachim Strybny brachte seine Lebenserfahrungen als Vertriebener aus Schlesien ein, Lektorin Herma Heyken vertrat das Bündnis „Norden rettet“ und der Pädagogische Leiter Lennart Bohne die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld. Hinzu kamen der Rettungssanitäter Thorsten Kliefoth (Hilfsorganisation SeaWatch) und Dieter Mader, der als Vorsitzender des Inselmuseums Spiekeroog den Transport einer Schiffsglocke auf sich genommen hatte: Vor 166 Jahren war das Auswandererschiff „Johanne“ vor Spiekeroog gesunken, 77 Menschen aus Deutschland und Österreich fanden dabei den Tod, darunter viele Kinder.

Eine Katastrophe – und für die Predigt von Pastorin Sandra Bils (Hannover, engagiert u.a. bei „United4Rescue – Gemeinsam retten e.V.“) der Brückenschlag zu den gegenwärtigen Boots-Katastrophen auf dem Mittelmeer. Durch die Brille des Untergangs deutscher Auswanderer betrachtet, erschien der Tod von 804 Menschen auf dem Mittelmeer (allein 2020) in einem neuen Licht. Dass auch sie selbst den Ertrunkenen näher stünde, wenn sie die Namen „Elisabeth, Friedrich und Marie“ tragen, als das bei "Tarek, Mohammed und Fatma“ der Fall sei: das gestand die Pastorin freimütig ein. Umso mehr Gewicht maß sie der biblischen Botschaft bei, nach der Gott jeden Menschen zu seinem Bilde erschuf: „Es geht eigentlich nicht um Seenotrettung. Damals wie heute. Es geht um die Würde des Menschen. Den Wert eines jeden Menschen. Um Gottes Ebenbild.“

Der Glockenschlag der gesunkenen „Johanne“ zog sich wie ein roter Faden durch die Liturgie, für die Dr. Kirschstein die Texte entworfen hatte. Einfühlsam das mal maritime, mal melancholische Spiel des Akkordeons, „zum Himmel schreiend“ immer wieder das Saxofon. „Wie mit grimmgem Unverstand / Wellen sich bewegen!“ trugen die beiden Sängerinnen vor und eröffneten mit diesem noch heute auf den Nordsee-Inseln gesungenen Choral Empathie für alle auf See Gebliebenen – ganz gleich, ob auf der Nordsee oder im Mittelmeer. Dass sich hinter den erschreckenden Zahlen menschliche Schicksale verbergen, wurde in einer „News-Collage“ deutlich, mit der der Einsatz des – auch mit erheblichen finanziellen Mitteln aus Norden geförderten – EKD-Rettungsschiffs dramatisch präsentiert wurde.

Einen weiteren Brückenschlag vollzogen persönliche Erinnerungen an Flucht und Vertreibung in der Nachkriegszeit zu ähnlichen Gegenwartserfahrungen, die durch ein beklemmendes Gedicht des später ertrunkenen Sudanesen Abdel Wahab Yousif zur Sprache kamen. Sein Name ist bekannt – die allermeisten Namen der 804 Ertrunkenen kenne nur Gott, so Herma Heyken in einer Betrachtung.

Darin lag an diesem Totensonntag denn auch der Trost für die Gestorbenen wie für Überlebende und Aktivisten: „Umspannt von der Hoffnung auf Gottes Ewigkeit“ gehören alle zusammen, so Dr. Kirschstein. Die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld gab dieser Hoffnung Raum, ebenso wie der Erinnerung, der Klage und der Mahnung: ein beeindruckendes christliches Zeugnis für die Würde aller Menschen, ausgesandt von diesem offiziellen „Friedensort“ der Hannoverschen Landeskirche. Rund 400.000 Menschen in ganz Deutschland hörten die Botschaft.

Live-Stream des Gottesdienstes aus der Gnadenkirche Tidofeld: "Retten im Norden"