Gastfreundschaft und wachsendes Verständnis

Norden / Berlin, 04. Juni 2022

Begeisterter Rückblick auf zweieinhalb Wochen mit der Delegation aus Uganda

Die Liebe, die Euer Team uns erwiesen hat“ - „Eure unglaubliche Gastfreundschaft“ - „das beeindruckende Zeit-Management“ - „Euer Umgang mit der deutschen Geschichte: ihr stellt euch den Schattenseiten“: das waren nach zweieinhalb Wochen Besuchs-Programm einige der begeisterten Rückmeldungen aus der ugandischen Delegation. Unter Leitung der Bischöfe Wilson Kitara (Kitgum) und Godfrey Loum (Gulu) hatten zehn anglikanische Christen den Kirchenkreis Norden und Berlin mit der Zentrale der Gossner Mission besucht. Und dabei jede Menge neue Eindrücke sammeln können!

Eingeladen hatten der Kirchenkreis und sein Freundeskreis Uganda unter der Leitung von Superintendent Dr. Helmut Kirschstein, gemeinsam mit der Gossner Mission. Da alle Zehn zum ersten Mal nach Deutschland kamen, zielte ein Schwerpunkt auf Einblicke in Geschichte und Gegenwart des Partner-Landes: In Berlin führte Gossner-Referent Dr. Volker Waffenschmidt die Besucher durch das Regierungsviertel und über das Brandenburger Tor bis zum wieder errichteten Stadt-Schloss (Humboldt-Forum). Bewusst in den Blick genommen wurde das Holocaust-Mahnmal. Aber auch die Zerrissenheit im Nachkriegsdeutschland spielte eine wichtige Rolle: Gemeinsam mit sechs Begleitern aus Norden besuchten die Ugander das berüchtigte STASI-Gefängnis Hohenschönhausen. Hier wie in der „Gedenkstätte Berliner Mauer“ an der Bernauer Straße erläuterten englische Führungen den Staats-Terror der DDR. Im Reichstagsgebäude nahm die Delegation auf der Empore Platz, um sich in einem regelrechten Crash-Kurs die Geschichte der demokratischen Entwicklung und des Bundestags erläutern zu lassen. Angesichts der eigenen, von wiederholtem Staatsstreich, Massentötungen (Idi Amin) und Terror-Soldateska (Joseph Kony) geprägten Historie sahen die ugandischen Gäste manche Parallelen in der deutschen Geschichte. Umso dankbarer nahmen sie zur Kenntnis, wie sich ein Staat dennoch zu einer parlamentarischen Demokratie mit offener Gesellschaft entwickeln kann.

Schon in Norden hatten historische und gesellschaftspolitische Aspekte einen wichtigen Akzent gesetzt: Einer intensiven Einführung in das Thema „Flucht, Vertreibung, Integration“ folgte in der Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld ein abendliches Symposion, bei dem sich nicht nur die ugandischen und indischen Gäste der Gossner Mission über Flucht- und Integrationserfahrungen im eigenen Land austauschten, sondern auch ein aktueller syrischer Migrant und ein als Kind aus Schlesien Vertriebener ihre Lebensgeschichten ins Gespräch brachten. Die gut besuchte Veranstaltung beeindruckte auch den extra dazu angereisten Friedensbeauftragten der Hannoverschen Landeskirche, Felix Paul.

Im engeren Rahmen widmete sich ein Gespräch in der Westgaster Mühle der „Gender based Violence“: Zwei Vertreterinnen des Frauenhauses Emden und die Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle Norden, Marja Goronzy, brachten ihre Erfahrungen zur „Gewalt gegen Frauen“ ins Gespräch und eröffneten Überlegungen, wie angesichts wachsender Gewalt-Erfahrungen unter Corona-Bedingungen besser gegengesteuert werden könnte. Hier zeigte sich auch bei den anwesenden Männern der ugandischen Kirchenleitung ein erfreuliches Problembewusstsein. Das Ulrichsgymnasium bot Raum für eine gemeinsame Veranstaltung mit „lokalen politischen Initiativen“: Hier stellten sich die Klimagruppe Norden samt „Klimajugend“ und die ebenfalls umweltpolitisch ausgerichtete Initiative „Unverpackt“ vor und eröffneten das gemeinsame Gespräch zur umweltpolitischen Verantwortung – Kontinent-übergreifend.

Die große Bedeutung der Kirche für den Friedens-Prozess im Norden Ugandas wurde im Rahmen des Männerkreises Ludgeri erkennbar: Francis Owacgiu erläuterte als Vorsitzender der „Fathers Union“ (Gulu) das beeindruckende Engagement christlicher Männer. In der Parallelveranstaltung für die Frauenarbeit im Kirchenkreis Norden wurde der entsprechende Einsatz der „Mothers Union“ in den sozialpolitischen Befriedungsprozessen deutlich.

Zusammen mit zahlreichen Mitgliedern des Norder Freundeskreises Uganda besuchte die ugandische Delegation den Biolandhof Agena-Dreyer in Schoonorth und staunte nicht schlecht über eine nachhaltige Landwirtschaft, die der traditionellen Arbeitsweise in Uganda nahekommt. Beim Besuch der Conerus-Schule führte Leiter Dr. Volker Cammans in die vielfältigen Herausforderungen der Berufsschule ein, die für die spezielle Partnerschaft mit einem „Vocational Training Center“ im Norden Ugandas offen wäre. Ein weiterer Vormittag galt dem Besuch des Osteeler Kindergartens „Schneckenhaus“: Er pflegt bereits seit vielen Jahren eine solche Partnerschaft mit dem von der Gossner Mission errichteten Kindergarten in Agung. Eine kurze Einführung in die Arbeit der Norder Diakonie gab es bei der Begegnung in den Räumen des Tagestreffs und der Tafel, und selbstverständlich gehörten auch eine Orgel- und Kirchenführung in der Ludgerikirche, eine Stadtführung rund um den Marktplatz und ein Besuch des Teemuseums zum intensiven Programm.

Sehr persönlich ging es beim Treffen mit der Kirchenkreis-Jugend in Hage zu: Unter Leitung der neuen Kreisjugendwartin Sandra Thies wurden spielerisch Vorlieben und Lebenserfahrungen ausgetauscht, am Ende stand das gemeinsame Singen bekannter Lobpreis-Songs. Derart entspannte Zusammenkünfte kamen aber auch sonst nicht zu kurz: Dem Eröffnungabend „open air“ bei Familie Lienemann in Leezdorf entsprach ein bunter Abend zum Ende der Norder Zeit in der CVJM-Halle „Strandleben“. Dazwischen lagen Besuche der Seehund-Aufzuchtstation in Norddeich und des Moordorfer Moormuseums, und unvergesslich dürfte den Gästen das gemeinsame Boßeln mit Mitgliedern des Männerkreises Ludgeri bleiben: Die Ugander brachten einige Natur-Talente mit, hatten offensichtlich riesigen Spaß und werden versuchen, den ostfriesischen Nationalsport in ihrem Land einzuführen. Sogar das anschließende Grünkohl-Essen (im Mai!) stieß auf positive Resonanz.

Dass bei alledem der tragende kirchliche Charakter nicht zu kurz kam: dafür sorgten zahlreiche Andachten und Gottesdienste, etwa zum Programm-Beginn in Ludgeri, in der Juister Inselkirche, während des allerersten Hannoverschen Gossner-Tags in der dortigen Marktkirche und zum Abschluss des 3. Ostfriesischen Gossner-Tags wiederum in Ludgeri. In Hannover gab es zusammen mit weiteren Gossner-Gästen aus Indien, Nepal und Sambia ein gemeinsames „Bible Sharing“, und eine entsprechende Bibelarbeit zum Thema „Versöhnung“ stieß auch bei einem Gemeinde-Abend in Großheide auf starkes Interesse.

Beim abschließenden Feedback zeigten sich die Gäste noch einmal beeindruckt vom guten Verhältnis staatlicher, kommunaler und kirchlicher Instanzen, wie es sich etwa beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Norden, bei den Gesprächen mit Bürgermeister Florian Eiben und bei Eröffnung der „Internationalen Teetafel“ auf dem Norder Marktplatz durch Landrat Olaf Meinen zeigte. - Was den ugandischen Gästen eher kritisch in Erinnerung bleiben wird? Trotz der guten Begegnung mit zahlreichen Jugendlichen der erstaunliche Mangel an Jugend in der evangelischen Kirche – und das wechselhafte, oft viel zu kalte Wetter: Angesichts 14 Grad Lufttemperatur geriet der gemeinsame Inseltag auf Juist während der faszinierenden Wattwanderung zu einer echten Herausforderung.

Die Maßnahme wurde mit erheblichen Mitteln gefördert

  • durch den Fonds "Frieden stiften" der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers,
  • aus der Haushaltsstelle für Partnerschafts-Begegnungen der Hannoverschen Landeskirche
  • durch den ev.-luth. Sprengel Ostfriesland-Ems
  • durch Eine-Welt-Mittel des Kirchenkreises Norden
  • durch die Gossner Mission (Berlin)
  • durch den Landkreis Aurich
  • durch den Präventionsverein Norden
  • und (beantragt) durch die Norder Bürgerstiftung.

Wir bedanken uns herzlich bei allen Geldgebern, ohne die eine derart effektive, arbeits- wie kosten-intensive Partnerschafts-Begegnung nicht möglich gewesen wäre.