„Das war die beste Reise überhaupt!“ Da sind sich Clara (16), Rasmus (17) und Jona (17) einig. Dabei waren die Schüler des Ulrichsgymnasiums mit ihren Familien durchaus schon in anderen Teilen der Welt unterwegs – nicht aber in Afrika. Zum ersten Mal nahmen sie an einer Partnerschafts-Begegnungsreise nach Uganda teil. Wie alle zwei Jahre, wurde auch diese Reise durch den Norder „Freundeskreis Uganda“ in Verbindung mit der Gossner Mission veranstaltet.
Das Besondere daran? „Die persönliche Begegnung mit den Menschen, vom Bischof bis zu den ganz einfachen Leuten,“ sagt Clara. „Alle waren offen und herzlich.“ Rasmus ergänzt: „Überhaupt hat mich die Gastfreundschaft schwer beeindruckt.“ Und Jona staunt: „Ich fand es faszinierend, welch engagierte Rolle die Kirche im Norden Ugandas spielt – auch gesellschaftspolitisch angesichts so vieler Probleme!“
Die drei Jugendlichen, die sich seit einem halben Jahr der Norder Kirchenkreis-Partnerschaft angeschlossen haben, reisten gemeinsam mit einer 16-köpfigen Delegation in das ostafrikanische Land. Insgesamt sechs Norder Mitreisende wurden durch vier weitere Gossner-Engagierte aus Uplengen ergänzt, so dass die Gruppe insgesamt besonders „ostfriesisch“ geprägt war. Und jugendlich: Mit dabei waren auch die beiden Freiwilligen Ava (19) und Saron (20), die für ein Jahr im Rahmen des Weltwärts-Programms an Partner-Schulen der Gossner Mission in Norduganda arbeiten.
Die Norder Kirchenkreis-Partnerschaft besteht seit 2010. Sie ist die einzige Uganda-Partnerschaft innerhalb der Hannoverschen Landeskirche. Angestoßen durch die Norder Beziehungen, ist „Uganda“ seit 2016 auch ein offizielles Arbeitsfeld der Gossner Mission. „Das hilft uns, auch größere Projekte zu stemmen, die wir allein aus Norden finanziell gar nicht schultern könnten“, sagt Dr. Helmut Kirschstein. Er hat die Partnerschaft seinerzeit als Norder Superintendent aufgebaut und später mit dem in Berlin beheimateten Missionswerk verbunden. Als Vorsitzender der Gossner Mission wie des Norder Freundeskreises leitete er nun schon zum 9. Mal eine solche Begegnungsreise.
Vorsichtshalber hatte man die Reise diesmal in den Februar verschoben. Mitte Januar fanden nämlich Wahlen statt, und da der 81-jährige Langzeit-Präsident Yoweri Museveni sich seine Wiederwahl auch durch umstrittene Maßnahmen sicherte, wollte die Delegation das Risiko vermeiden, in irgendwelche Aufstände verwickelt zu werden. Tatsächlich blieb alles ruhig. Und die Gruppe hatte sogar die Möglichkeit, dem Präsidenten zu begegnen: Bei einem kirchlichen Event mit 10.000 Teilnehmenden – Jahr für Jahr wird der einst von Idi Amin ermordete Erzbischof Janani Loum als Märtyrer verehrt – erschien auch Museveni als Ehrengast. Er hielt eine Grundsatzrede zu seiner erfolgreichen Wiederwahl und den Akzenten, die er in Zukunft besonders für den Norden Ugandas setzen werde.
Und der Norden Ugandas hat diesen Einsatz wirklich nötig: 20 Jahre lang wütete hier ein Terrorkrieg, bei dem die sog. „Lord´s Resistance Army“ des berüchtigten Joseph Kony Dörfer und Städte überfiel, die Menschen zu Tausenden massakrierte, kleine Jungen zu Kindersoldaten machte und Mädchen in die Prostitution zwang. Auch wenn der Terror vor zwanzig Jahren endete: die traumatischen Folgen belasten die gesamte Region bis heute.
Erst vor diesem Hintergrund sind die Schwerpunkte verständlich, die die kirchlichen Partner des Freundeskreises und der Gossner Mission setzen: In den anglikanischen Diözesen von Gulu und Kitgum wird viel für die Bildung getan. „Erschütternd“ findet Mareke Kersten allerdings, dass überhaupt nur 27 % der Kinder eine Grundschule besuchen, und lediglich 7 % auf eine weiterführende Schule gehen. Andererseits, so die Norderin, die selbst als Lehrerin an einer Förderschule arbeitet, habe sie der Einsatz für blinde und beeinträchtigte Kinder an der kirchlichen Gulu Primary School schwer beeindruckt. „Hier arbeiten sie schon seit den 60er Jahren integrativ“, ergänzt Janna Schoen, ebenfalls Norder Förderschul-Lehrerin, „zu der Zeit hat man bei uns nicht einmal diesen Begriff gekannt“. Auch in Sachen Kulturarbeit zum Erhalt traditioneller Tänze und Riten ist diese Schule vorbildlich. Schon länger haben Freundeskreis und Gossner Mission hier die Wasserversorgung und den Bau von Dusch- und Sanitär-Anlagen gefördert. Und sie unterstützen auch das neueste Vorhaben: den Aufbau einer „Drum and Marching Band“ als Pilot-Projekt für die ganze Diözese. „Damit fördern wir die Gemeinschaft, vermitteln besonders armen Jugendlichen eine sinnvolle Aufgabe und bekommen gerade bildungsferne Kinder buchstäblich von der Straße“, sagt Godfrey Acaye, Jugendbeauftragter der Diözese. Und zeigt sich dankbar: Sage und schreibe 28 Blas-Instrumente brachte die Delegation von Deutschland nach Uganda mit, Trompeten, Posaunen, sogar zwei Euphonien und eine große Tuba waren dabei. Das alles wurde gespendet von Einzelpersonen, über das landeskirchliche Posaunenwerk und durch den Norderneyer Posaunenchor. „Schon bei Eurem nächsten Besuch werden wir Euch musikalisch empfangen“, sagt der Jugendreferent lachend.
Erfreulich zeigten sich auch andere Bildungsprojekte, die von Norden und Berlin aus unterstützt werden: ein kleines Ausbildungszentrum für junge Frauen in Awoo, wo man sich z.B. nach ungewollter Schwangerschaft und abgebrochenem Schulbesuch um eine Zukunfts-Chance bemüht – ein entsprechendes Parallel-Projekt in Kitgum, wo eine kirchliche Schulung Teenager ebenfalls zur Schneiderin ausbildet – die Kindertagesstätte in Agung, die allein schon deshalb als „Reformkindergarten“ gilt, weil die Kinder hier nicht nur streng beschult werden, sondern spielerisch lernen dürfen. „Ich fand besonders den Youth Running Club toll“, sagt Eike Petersen (30), der neben seiner Arbeit bei Enercon selber Halb-Marathons läuft. Über den Sport erreicht der christliche „Lauf-Club“ 1.700 Kinder und Jugendliche in 30 Gruppen, jeweils von einem Mann und einer Frau geleitet. Zum Programm gehören neben Spiel und Spaß auch diakonischer Einsatz für Ältere und Kranke, praktische Dienste auf dem Kirchengelände und gemeinschaftliche Bibelarbeiten. Viele junge Leute, die bisher apathisch der Schule fernblieben, widmen sich jetzt hochmotiviert auch ihrer eigenen Ausbildung.
Der oft ehrenamtliche Einsatz wird motiviert von einer berührenden Frömmigkeit, die durch anglikanische Choräle wie mitreißende afrikanische Gospels getragen wird. Die Kirchen sind bis auf den letzten Platz gefüllt, bei einem von vier Sonntags-Gottesdiensten war Dr. Kirschstein eingeladen, in Gulu-Christchurch die Predigt zu halten.
„Die beste Reise überhaupt?“ Selbstverständlich nahm sich die deutsche Delegation neben HIV-Projekt (Kilak Corner), Berufsschul-Aufbau (Paloga) und Gesprächen mit der Männer-Arbeit (Kitgum) auch Zeit zum Besuch bunter Märkte. Die Gruppe badete bei den Aruu-Wasserfällen, spazierte durch den Botanical Garden in Entebbe und genoss die faszinierende Tierwelt Ugandas im Murchison Falls National Park. Diese Faszination wird allen in ebenso guter Erinnerung bleiben, wie das beeindruckende Engagement der ugandischen Christen und ihre Herzlichkeit.
Dr. Helmut Kirschstein